2002

Ausstellung über
„Tinngeter=Aorends“
Von Nijnhues 4.12.2002

         
 

GN Grafschafter Nachrichten 04. Dezember 2002

"Ein wichtiges Stück Neuenhauser Geschichte wurde aufgerollt"

Ausstellung über Zinngießer-Familie

Neuenhaus. Das alte Neuenhauser Rathaus steht zur Zeit im Zeichen der ehemaligen Zinngießer-Familie Arends. Noch bis zum 15. Dezember erinnert dort eine Ausstellung an das traditionsreiche Neuenhauser Handwerk. Zahlreiche Besucher waren am Freitagabend zur Eröffnung erschienen.

Draußen stürmt es bei Temperaturen um den Gefrierpunkt und drinnen streikt mal wieder die Heizung. In solchen Fällen greift man auch heute noch gerne zu einer Wärmflasche. Die dürfte allerdings nur noch in den seltensten Fällen aus Zinn gefertigt sein. Ein Schicksal, das wohl auch die vielen anderen Gegenstände teilen, die neben der Wärmflasche in den Vitrinen des ehemaligen Verwaltungsgebäudes ausgestellt sind. Der Saal des Alten Rathauses platzte am Freitagabend aus allen Nähten. Mehr als 100 Besucher waren der Einladung der Stadt Neuenhaus gefolgt, so dass selbst Samtgemeinde-Bürgermeister Johann Arends weitere Stühle aus dem benachbarten Gemeindehaus holen musste. Die Heimatfreunde hatten bereits am Eingang jeden Besucher traditionell mit einem Zinnlöffel Schnaps begrüßt. Sie alle waren erschienen, um das Ergebnis einer "mühsamen Kleinarbeit" zu sehen, stellte Arends in seinem Grußwort fest.Die Initiative zu dieser Ausstellung war von Eckhard Woide und Gerolf Küpers ausgegangen. Die beiden erfahrenen Heimatforscher hatten sich vor einiger Zeit einer besonderen Herausforderung gegenüber gesehen. Nachdem sie mehrfach auf alte Grafschafter Zinnprodukte angesprochen worden waren, machten sie sich auf die Suche nach den Wurzeln der Neuenhauser Familie Arends. Die Spuren der Zinngießer-Dynastie lassen sich bis ins Jahr 1670 zurückverfolgen. Die Nachforschungen gestalteten sich allerdings alles andere als einfach."Ich war zwischendurch einmal an einem Punkt angelangt, an dem ich sagte: Es geht einfach nicht mehr", erinnert sich Woide an den zähen Informationsfluss alter Heimatliteratur. Auch die oft unterschiedliche Schreibweise des Namens machte dem Forscher das Leben schwer. Zuvor war Johann Arends, selbst Nachfahre der Zinngießer, bereits auf die Bedeutung des Werkstoffs eingegangen, war Zinn doch über Jahrhunderte hinweg auch ein wichtiger Bestandteil vieler Grafschafter Haushalte."Dass das Wissen um den Wert dieser Erzeugnisse nicht verloren geht, das haben wir Eckhard Woide und Gerolf Küpers zu verdanken", wusste Arends sehr wohl um einen "Glücksfall" für die Dinkelgemeinde. Die beiden Heimatfreunde hätten ein wichtiges Stück Neuenhauser Geschichte aufgerollt. Das Echo, das die Ausstellung bereits zu ihrer Eröffnung ausgelöst hatte, beeindruckte auch Dr. Heinrich Voort vom Grafschafter Heimatverein: "Nun endlich hat diese Arbeit auch eine öffentliche Beachtung gefunden". Den Machern bescheinigte er, "einen großen Wurf" gelandet zu haben.

Die Ausstellung, in der auch die wohl bekanntesten Löffelbretter Nordwestdeutschlands zu sehen sind, ist noch bis zum Sonntag, den 15. Dezember geöffnet. Einlass ist von Dienstag bis Freitag in der Zeit von 17 und 20 Uhr sowie am Wochenende von 15 bis 18 Uhr. Der Eintritt ist kostenlos. Einen ganz besonderen Leckerbissen versprechen die Organisatoren für Sonntag, 8. Dezember. Dann hat jeder Besucher die Möglichkeit, einmal seine eigenen alten Zinngegenstände vom Experten begutachten zu lassen.

 
         
         
 
 
         
     
         
 

Bis vor sechs Jahrzehnten Zinngegenstände aus Neuenhaus
»Tinngeter-Aorends«
eine angesehene Bärgerfamilie
von Willy Friedrich

Bis vor sechs Jahrzehnten gab es in Neuenhaus eine Werkstatt, in der aus Zinn Löffel, Kannen, Kellen und Becher gegossen wurden. »Tinngeter-Aorends«, das war in jenen Tagen ein Begriff für die Dinkelstadt und für weite Teile der Graf­schaft. Heute werden Zinngegenstände für teures Geld in Kunstgewerbe- oder Haushaltswarengeschäften angeboten. Als Rarität gewissermaßen hängen oder ste­hen sie in Dielen und Wohnzimmer. Sie sollen einen Hauch Romantik aus der guten alten Zeit in unsere ruhelosen, von nervöser Hast geprägten Tage hinein­tragen.

Nun, damals gehörten die Gerätschaften aus Zinn zum alltäglichen Leben, wie das Salz zum Essen. Sie waren nicht etwa Symbole des Wohlstandes oder eines mehr oder weniger erfolgreichen Bemühens, dem Nachbarn, den Freunden und Bekann­ten »Wohnkultur« zu präsentieren.

In Neuenhaus stand die Werkstatt der Zinngießerfamilie Arends. Rein äußerlich hat sich an dem Haus Hauptstraße 57 kaum etwas geändert, abgesehen von den Fenstern, die im Laufe der Jahre erneuert wurden, und von dem frischen Anstrich für die Giebelwand. Und die alten Bürger aus Neuenhaus wissen sicherlich noch aus der »Tinngeters-Tied« zu erzählen, auch diejenigen, die heute an irgendeinem anderen Ort wohnen. Früher standen hinter den Fensterscheiben die aus Zinn her­gestellten Teile. Nicht weniger als 250 (!) Jahre lebte dieses mittlerweile ausgestor­bene Handwerk in der Familie Arends.

Alten Aufzeichnungen zufolge wohnten in dieser engen, mit »Katzenköpfen« ausgepflasterten, holprigen Straße Männer, die es verstanden, mit den verschiedensten Handwerkszeugen umzugehen. Überwiegend waren es wahrscheinlich Schmiedemeister; denn in der Klinkhamer-straße wurden jene Pferde beschlagen, die den vielen eigenen und fremden Solda­ten, die einst in Neuenhaus Quartier bezogen, und ihren Offizieren gehörten.

Vielleicht schlug auch der Vorfahre von Wynand Arends solchen Kommisrappen Eisen unter die Hufe. Wer will das heute noch sagen? Vielleicht war er auch ein ge­fragter Waffenschmied. Überlieferungen zufolge liegt es nahe, daß er zumindest »Püster« (Gewehre) herstellte. Ohne Gewehre waren die Städte damals wehrlos. So ist es zu verstehen, daß in der Arendschen Schmiede der Hammer kaum ruhte. Sogar in der Nacht kamen die Aufträge. Ununterbrochen loderte das Schmiede­feuer, krochen die roten Flammen in den Kamin hinein. Und dicker schwarzer Rauch zeugte von bürgerlichem Wohlstand, gewachsen auf dem goldenen Boden des ehrsamen Handwerks. — Hinter den verrußten Scheiben hantierte der Meister mit seinen Gesellen. Und als die Zeit es ergab, stellte er seinen »Rüstungsbetrieb« auf eine nicht minder zukunftsträchtige »Friedensproduktion« um. Der Umzug in die Hauptstraße folgte. Bald stellte sich eine weitverzweigte Kundschaft ein. Es war ein Handwerk, das seinen Mann ernährte.

Er erlernte die Zinngießerei in einem Spezialbetrieb in Rheine. Diese Fremd­lehre brachte ihren Nutzen. Rötgerts Sohn Wynand führte das Geschäft wei­ter. Löffel wurden gestanzt und Krüge und Kannen in Formen gegossen. Altes Zinn oder unbrauchbare Gegenstände mit dem Signum »RA« (Rötgert Arends) brachten die Kunden, um es einschmelzen und neu gießen zu lassen. Es war eine mühselige Arbeit, die in der Werkstatt geleistet wurde. Letztlich läßt sich die Zinn­gießerei nicht ohne weiteres in die breite Front des umfassenden Begriffs Hand­werk einreihen. Bei dieser Tätigkeit spielten die Formgebung, der Geschmack und das Können des Meisters eine entscheidende Rolle, zumal die technischen Hilfsmit­tel, die man heute allenthalben einsetzen kann, in jenen Jahren fehlten. Aus vie­len Einzelteilen wurden die Kannen gefertigt. Mit feinen Messern und Schabern ging man den Unebenheiten zuleibe. So »wuchs« zu guter Letzt aus einem anfangs recht groben Stück der Kunstgegenstand; prächtiger Hausrat, der heute einen über­aus großen Wert besitzt. Dreifüßige Kaffeekannen und reich verzierte Pfeffer­büchsen gehörten zu den schwierigsten Teilen, die vom »aulen Tinngeter« gegossen wurden. Der Preis lag bei zwei bis drei Mark. Löffel brachten beim Eintausch von altem Zinn — man höre und staune — pro Stück nur sechs Pfennig.

Vor sechs Jahrzehnten schloß Wynand Arends für immer seine Augen. Zeitweilig führte ein Fachmann aus Leer den Betrieb weiter. Schließlich brach diese Verbin­dung ab. Es wurde still im Hause Hauptstraße 57. Die Stanze in dem schmalen Werkraum schwieg. Der Hammer ruhte. Das Feuer unter dem Schmelzofen brannte nicht mehr. Mit dem letzten Neuenhauser »Tinngeter« wurde auch ein schönes und seltenes Kunsthandwerk zu Grabe getragen.