GN24.6.2017
 
         
 
Die Zukunft der Heimatvereine
 
 

 

Vereine auf der Suche nach Strategien gegen Mitgliederschwund

Haben Heimatvereine eine Zukunft? Auf den ersten Blick sieht es nicht danach aus. Zwar gibt es in der Grafschaft 35 Vereine, die sich der Pflege des Heimatgedankens, der Tradition und des Brauchtums verschrieben haben. Aber fast alle klagen sie über sinkende Mitgliederzahlen. So auch in dieser Woche bei einem Treffen von rund 40 Heimatfreunden aus der gesamten Grafschaft.

Dieser Schwund trifft auch den ältesten und größten von ihnen, den Heimatverein Grafschaft Bentheim. Der ist bald 120 Jahre alt, sein beliebtes „Bentheimer Jahrbuch“ reiht sich seit Generationen in vielen Grafschafter Regalwänden. Und der Verein hat immer noch eine stolze Größe, er zählt 1700 zahlende Mitglieder. Aber vor gar nicht langer Zeit waren es mal 2500. Und der Altersdurchschnitt der verbliebenen Mitglieder wird immer höher.

Es ist also höchste Zeit, sich über Zukunftsstrategien Gedanken zu machen. Dazu hatte der Kreis-Heimatverein diese Woche Vertreter der vielen örtlichen Vereine ins Kreis- und Kommunalarchiv geladen – zum Erfahrungsaustausch, zum gegenseitigen Kennenlernen und für eine erste Ideensammlung, wie der größere Verein auf Kreisebene die kleineren vor Ort unterstützen könnte. Die hohe Zahl an Teilnehmern zeigt, wie groß das Interesse der Heimatfreunde im ganzen Kreisgebiet an einer solchen Vernetzung ist.

Eins wurde schon in der Vorstellungsrunde deutlich: Alle Vereine versuchen, jüngere Mitglieder zu gewinnen. Und kaum einer hat dabei Erfolg. Das ist nicht verwunderlich. Die wirklich Jungen sind für sie nicht zu gewinnen, die haben andere Interessen, haben Familie und Beruf. Außer in der frühen Anfangszeit, als Ende des 19. Jahrhunderts die „Wandervögel“ eine tragende Säule der noch jungen Heimatbewegung bildeten, waren Heimatvereine eigentlich immer Sache der Älteren.

Und das ist auch kein Problem. Vor allem im Ruhestand, wenn Menschen mehr Zeit und Muße und vielleicht auch schon mehr von der Welt gesehen haben, besinnen sie sich offenbar verstärkt ihrer Herkunft und Heimat. Der Altersdurchschnitt allein gefährdet daher nicht die Zukunft der Vereine, im Gegenteil: Die ältere Generation wächst ständig nach, und ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung nimmt sogar zu. Die Heimatvereine schöpfen mit ihren Angeboten also aus einem wachsenden Potenzial, das es zu nutzen gilt.

Wie kann dies gelingen?

Zum Beispiel, indem den Aktiven ihr Engagement in den häufig sehr kleinen Vereinen mit wenigen Dutzend Mitgliedern erleichtert wird. Der Geschäftsführer des Kreis-Heimatvereins, Bernhard Jansen, hat dazu

einige Ideen vorgelegt: Er schlägt zentrale Weiterbildungen vor, um Fragen rund um Vereinsrecht, Internet, Öffentlichkeitsarbeit oder Versicherungen zu klären oder Förderanträge zu stellen. Mitarbeiter des Kreisarchivs können bei der Archivierung unterstützen. Und die Geschäftsstelle des Heimatvereins kann „Regional-Tage“ für Präsentationen örtlicher Vereine anbieten, einen gemeinsamen Veranstaltungskalender im Internet aufbauen oder Ausflüge für alle Vereine zentral organisieren. Das sind gute Ansätze, die das Ehrenamt in örtlichen Heimatvereinen fördern könnten. Nun kommt es darauf an, dass diese die Angebote auch annehmen.

Eine besondere Chance bietet das neu gebaute Archiv als zentraler Treffpunkt, in dem auch das Kulturamt des Landkreises und die Geschäftsstelle des Kreis-Heimatvereins ihre Räume haben. Es könnte sich tatsächlich zu einem „Haus der Grafschafter Geschichte“ entwickeln, wie es Mitarbeiter intern bereits nennen. Nach dem gut besuchten „Tag der offenen Tür“ war das Treffen der örtlichen Heimatvereine nun der zweite Vorstoß, sich eine solche zentrale Rolle zu erarbeiten.

Dabei geht es nicht darum, die kleinen Vereine zu vereinnahmen oder zu gängeln. Ganz im Gegenteil: Sie brauchen Unterstützung, damit sie ihre Eigenständigkeit und Vielfalt erhalten können. Das ist ja gerade der Kern der Heimatpflege, dass sie sich auf ein enges Umfeld oder auf einzelne Themen beschränken kann und nicht darüber hinaus wirken muss: Der Groafschupper Plattproater Kring zum Beispiel widmet sich dem Erhalt des Plattdeutschen; der Verein zur Erhaltung der Windmühle Laar/Vechte trägt seinen Zweck bereits im Namen; bei den Dorf-, Burgund Mühlenfreunden Lage, beim Treckerclub Nordhorn oder beim Bauernmuseum Brookmann Osterwald e.V. ist es ebenso.

Sie alle stoßen auf Interesse, zum Teil auf sehr großes. Seien es Geschichten von früher, alte Fotos oder historische Landmaschinen: Die Grafschafter sind an alldem sehr interessiert, wie die Be- sucherzahlen bei Veranstaltungen ebenso zeigen wie die Verkaufszahlen einiger Bücher zur Heimatgeschichte.

Gerade in Zeiten der Globalisierung, die manche Unsicherheiten mit sich bringen, scheint das Bedürfnis nach Heimat, nach Verwurzelung sogar zu wachsen. Solange sich ein starkes Bewusstsein der eigenen Herkunft nicht auf Heimattümelei beschränkt oder gar ausgrenzend und überheblich wirkt, ist das etwas sehr Positives, Identität stiftendes, Halt gebendes.

Mit dem Begriff „Heimat“ tun sich dennoch viele schwer. Zwar wird er heute nur noch von wenigen extremen Rechten in einem völkischen Sinne missbraucht. Heimat als Blutund- Boden-Ideologie zu verstehen, in diesem Verdacht steht nun wirklich keiner der Grafschafter Vereine. Doch „Heimat“ haftet immer noch etwas Provinzielles, Kleingeistiges, Engstirniges an. „Heimat, das ist sicher der schönste Name für Zurückgebliebenheit“, hat Martin Walser 1967 gesagt.

Genau 50 Jahre später sollten wir entgegnen: Heimat kann auch ein stabiles Fundament für Weltoffenheit sein – gerade in einem Grenzgebiet wie der Grafschaft. Wenn es gelingt, dies nachwachsenden Generationen vorzuleben, müssen die Heimatvereine zwar dennoch für ihre weitere Entwicklung vorsorgen, sich aber um ihre Zukunft keine Sorgen machen.

Der Autor ist hauptberuflich stellvertretender Chefredakteur der Grafschafter Nachrichten. Ehrenamtlich engagiert er sich als Beisitzer im Vorstand des Heimatvereins Grafschaft Bentheim und als Redaktionsleiter des „Bentheimer Jahrbuchs“.