Textarchiv
         

Einige Auszüge aus unserem umfangreichen
Textarchiv

 

Von der Entstehung der Burg Dinkelrode
In ihrem Schutz entwickelte sich die erste Siedlung

Die Grafen zu Bentheim mussten vermutlich bis etwa Mitte des 12. Jahrhunderts um ihre Macht gegenüber angrenzenden Gografen fürchten. Kaiser Karl der Große ließ, nachdem er um 800 die Sachsen unterworfen hatte, in den eroberten Gebieten sogenannte „Gos" einrichten.

So bezeichnete man zunächst kultiviertes besiedeltes Gebiet beziehungsweise einen besiedelten Bezirk. In diesem Gebiet lag die Niedere Gerichtsbarkeit bei einem dort eingerichteten Gogericht - diesem stand ein vom Kaiser eingesetzter Gograf vor.

Die Gografen waren kaiserliche Beamte, sie mussten den Bezirk beaufsichtigen und verwalten und bei Bedrohung von außen militärische Aufgaben übernehmen. An der Vechte, im Bereich der heutigen Grafschaft Bentheim, gab es vier Gogerichte. Es war der bedeutende Bereich Schüttorf mit den Kirchspielen Ohne und Bentheim/Gildehaus und die Bezirke Nordhorn, Uelsen und Emlichheim. Die Gerichte Neuenhaus und Veldhausen kamen später hinzu.

Um ihren Machtbereich zu vergrößern, erwarben die Grafen zuerst das Gericht Schüttorf mit den Kirchspielen. Dieser Bereich mit dem Mittelpunkt Bentheim bildete im Jahr 1184 den Kern des Territoriums Bentheim, die heutige Obergrafschaft.

Von diesem Mittelpunkt ausgehend erwarben die Grafen um 1300 flussabwärts der Vechte das Gericht Nordhorn. Nördlichster Punkt dieses Machtbereiches war die Burg Gravesthorpe in Grasdorf, später Olthuis genannt. Diese Burg stand an der Grenze der heutigen Obergrafschaft zur Niedergrafschaft.

Um ihr Herrschaftsgebiet zwischen den Grenzen der Bistümer Münster und Utrecht weiter auszuweiten, erwarben die Grafen das Gogericht Uelsen von Eiland van Toren und danach die Herrlichkeit Emlichheim, später auch Neuenhaus und Veldhausen.

Somit drangen die Grafen in das Herrschaftsgebiet des Bischofs von Utrecht ein. Dieses Gebiet (die heutige Niedergrafschaft) gehörte seit der Missionierung um 700 zum Bistum Utrecht. Das gesamte von den Grafen beherrschte Territorium erhielt nach dem Titel des Grafen die Bezeichnung „Grafschaft" Bentheim.

Bau der Burg

Um den neuen Besitz besser sichern und bei feindlichen Überfällen aus der Twente die Niedergrafschaft verteidigen zu können, ließ Graf Johann II. zu Bentheim (1305-1333) im Jahre 1317 an der Dinkel eine Wasserburg errichten. Urkundlich wird die neue Burg erst­mals im Jahr 1328 erwähnt.

Die Burg lag auf einem eigens dafür gerodeten, erhöhten Gelände am rechten Ufer der Dinkel. Sie wurde bewusst zwischen die unwegsamen Dinkelarme gebaut, weil sie so durch die vielen Wasserläufe der sich teilenden Dinkel gegen feindliche Übergriffe besser geschützt und schwerer einzunehmen war. Sie wurde Dinkelrode genannt.

Der Name setzt sich aus dem Flussnamen „Dinkel" und wahrscheinlich aus der Abkürzung „rode" von „gerodet" zusammen, da der Wald vor dem Bau der Burg gerodet werden musste.

Dinkelrode lag in der Mark Grasdorf im äußersten Zipfel des Osterwaldes, unweit der Dinkelmündung in die Vechte. Der Bischof zu Utrecht versuchte, sein Territorium nach Osten auszuweiten, und hatte deshalb die Burg zu Lage bauen lassen. Dinkelrode sollte somit auch als Schutz gegen die bischöfliche Burg zu Lage dienen.

Strategische Gesichtspunkte mögen der Hauptgrund zum Bau der Burg gewesen sein so wie auch bei der Burg Gravesthorpe in Grasdorf. Sie wurde zudem zum Schutz der Handelsstraße Münster-Amsterdam und ihrer Dinkelfurt (später Brücke) errichtet. Sie sollte die Räuberbanden abschrecken.

Die Grafen zu Bentheim konnten sich zwischen den Bistümern Münster und Utrecht nur deshalb behaupten, weil sie den wertvollen Bodenschatz Sand­stein abbauen ließen. Diesen graugel­ben Sandstein verkauften die Grafen überwiegend ins steinarme (aber sonst reiche) Nordholland. Er wurde über die Vechte oder die Handelsstraße Müns­ter-Amsterdam transportiert. Von den Einkünften aus dem Sandsteinabbau und Zöllen konnten die Grafen die Burg Bentheim ausbauen und später auch die Burgen Gravesthorpe und Dinkel­rode errichten lassen. Um die Handelswege zu schützen, unterhielten sie ein Wehr. Sie bauten eine Verwaltung auf und förderten das Kirchen- und Schulwesen.

Bau der Kapelle

Am 21. November 1328 übergaben Graf Johann II., seine Gattin Mechthild und die Söhne Simon und Otto die neue Kapelle der Burg.

Neuenhaus-Namensgebung

Die Bauern von Gravesthorpe und aus den Kirchspielen Veldhausen und Uelsen hatten Hand- und Spanndienste zu leisten. Veldhausen wird 1317 erstmals urkundlich erwähnt. Der Name Dinkelrode änderte sich. Bald erhielt die neue Wasserburg an der Dinkel, im Gegensatz zur ursprünglichen Burg Oldhus (dat aule Hus) an der Vechte, den Namen „dat nyje Hus".

Eine andere Deutung geht davon aus, dass die Burg Bentheim als altes Haus gesehen wird, während die Burg Dinkelrode das neue (weitere) Haus der Grafen von Bentheim gewesen sein soll.

Aus der Bezeichnung „dat nyje Hus' abgeleitet erhielt die Stadt Neuenhaus ihren Namen.

„Söwenhüssieshook" (die erste Siedlung)

Nach dem Bau der eigentlichen Burg wurde auf einer Nebeninsel eine „Vorburg" errichtet. Von der Vorburg führte eine Brücke über den Dinkelarm zur Hauptburg. Die Vorburg war, wie die ganze Burganlage, von Wasser umgeben. Eine Zugbrücke stellte die Verbindung von der Burganlage zum „Festland" beziehungsweise zu dem Weg, der heute als Straße nach Uelsen führt, her.

Auf der Vorburg wohnten die gräflichen Beamten, Handwerker und Wachleute, die zum Bau der Burg eingesetzt wurden. Nach dem Weggang der Bauhandwerker folgten Fuhrleute, Fischer Handwerker und Händler, die sich irr Schutze der Burg ansiedelten.

Diese Vorburg (Siedlung) bestand aus sieben Häusern, daher die Bezeichnung „Söwenhüssieshook" (sieben Häuser Ecke) und ist der älteste Tei der späteren Stadt.

Das älteste Haus soll dort gestanden haben, wo sich jetzt die Gaststätte „Deutsches Haus" befindet.

Seit dem 15. Jahrhundert diente die Burg dem jeweiligen gräflichen Amtmann als Amtssitz. Damit war der Grundstein gelegt für die nachfolgende Entwicklung der Stadt zum Verwaltungsmittelpunkt der Niedergrafschaft.

Sicherung des Handels

Um ihre Einkünfte aus dem Sandsteinabbau zu sichern, waren die Grafen bestrebt, die Bewohner der Siedlungen an der Vechte, die Vechteschifffahrt, den Handelsweg Münster-Amsterdam und die Handelsplätze besonders zu schützen.

Schüttorf bekam 1295 vom Grafen Egbert, Neuenhaus 1369 und Nordhorn 1379 von Graf Bernhard I. zu Bentheim die Stadtrechte verliehen. Vorhandene Wege und Straßen wurden befestigt und neue gebaut, ebenso eine Brücke, um die Dinkel schneller überqueren zu können (anstatt der Dinkelfurt).

Graf Bernhard I. zu Bentheim verlieh den Bürgern des „Flecken Nynhus" besondere Privilegien und Rechte, damit der Ort sich schneller zum Handelsplatz entwickeln konnte. Er erteilte den „borgeren toe Nynhus" am
29. September 1369 das Stadtrecht. So war ihnen nun erlaubt, ihr Vieh in der Grasdorfer Mark weiden zu lassen, dort auch Plaggen und Torf zu stechen, in der Stadt einen Markt abzuhalten, Mühlen zu betreiben und Wege- beziehungsweise Brückenzölle zu erheben.

Durch die Anlage von Mauern, Gräben, mit Palisaden bewehrten Wällen und Stadttoren war das Hab und Gut der Stadtbewohner nun besser geschützt.

Zerstörung

Im 30-jährigen Krieg (1618 bis 1648) haben feindliche Soldaten die Burg und die Stadt überfallen, sie geplündert und verwüstet. In welchem Jahr die Burg zerstört wurde, ist nicht bekannt. 1635 nahm der hessische Kommandant Karl Rabenhaupt von Sucha Neuenhaus in Besitz und ließ die Befestigungsanlagen verstärken. Kurz darauf nahmen kaiserliche Soldaten die Stadt ein und zerstörten die Burg. Seit dieser Zeit ist diese nie wieder richtig aufgebaut worden, sondern sie wurde nur notdürftig repariert und verfiel mit der Zeit.

Im Jahr 1696 scheinen das Burgtor, Teile der Sandsteinwände des Erdgeschosses und Reste der Wälle noch vorhanden gewesen zu sein, denn holländische Soldaten mussten bei der Einnahme der Burgreste noch das Burgtor aufsprengen. Ansonsten dienten die Sandsteine der Burg als neues Baumaterial für die Bürgerhäuser.

Graf Arnold II. auf Dinkelrode geboren

Graf Arnold II. wurde am 10. Oktober 1554 in der Burg geboren. Er wurde eine der bedeutendsten Persönlichkeiten des Gräflichen Hauses zu Bentheim. Während seiner Regentschaft führte er in den Grafschafter Kirchengemeinden die Reformation evangelisch-reformierter Prägung ein. Außerdem ließ er Schulen bauen und sorgte für eine moderne Verwaltung. Er starb am 11. Januar 1606.

Älteste Abbildung der Burg Dinkelrode

Auf dem ältesten bekannten Wappen beziehungsweise Siegel der Stadt Neuenhaus von 1528 ist ein Haus mit einem Stufengiebel abgebildet. Eine weitere Darstellung der Burg Dinkelrode befindet sich auf der Grabplatte von 1562 des Grafen Ewerwin III. in Bad Bentheim.

Die Burg wurde in den Jahren 1770/71 bis auf die Kapelle abgerissen. Diese diente noch im 19. Jahrhundert der katholischen Gemeinde als Kirche. Nach dem Bau der jetzigen katholischen Kirche in den Jahren 1863 bis 1865 wurde auch dieses Gebäude als letzter Rest der Burg Dinkelrode abgerissen. Von der Burg ist heute nichts mehr vorhanden. Nur die Gräben (Gräfte) und der Straßenname „Burgstraße" erinnern an Dinkelrode beziehungsweise „dat nije Hues". Die erhöhte Stelle in der Burgstraße, auf der einst die Burg errichtet war, heißt heute noch „auf der Burg" oder „up de Borg".

von Gerhard Olthuis