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Autor*innen aus Neuenhaus

49 Neuenhauser Autor*innen von 1731 bis 2022

2008 startete die erste Website der Heimatfreunde Neuenhaus, seit 2011 wurde sie von Klaus Vorrink und Bernd Vette betreut und nach und nach erweitert. Im Laufe der Jahre war sie durch eine Fülle von Informationen immer unübersichtlicher geworden.Aus dem Grunde hat die Firma CT IT aus Neuenhaus im Oktober 2022 die Struktur der Homepage neu gestaltet. Nach und nach werden wir die meisten Texte der früheren Seite nach einer mehr oder weniger gründlichen Überarbeitung und Erweiterung übernehmen.
Die alte Seite enthielt ohne Quellenangaben 26 kürzere oder längere Lebensbilder „Neuenhauser Dichter und Schriftsteller“, die sich zum überaus großen Teil auch auf der privaten Homepage von Dr. Johann-Georg Raben finden und aus seiner Feder stammen. Bei anderen handelte es sich um Nachrufe aus Zeitungen oder Büchern. Alle 26 sind an diese neue Seite angepasst und übernommen. Weitere elf stammen aus unterschiedlichen jeweils beim Lebensbild genannten Quellen. Unter „Weitere Autor*innen“ finden sich noch einmal zwölf Namen, die Johann-Georg Raben um 2010 zusammengestellt hat. Die fett gedruckten Namen sind zum zugehörigen Artikel weiter unten verlinkt. Drauf klicken – und schon ist man beim Artikel. Für die übrigen muss man etwas rauf- oder runterscrollen.
Gerrit Jan Beuker, im Okt. 2022

Dr. Beuker, G.J. Jg. 1953
Bode Lüppo 1900-1965
Brill, Carl Fr. 1794-1887
Buch Carl L. 1753-um 1820
Buddenberg, W. 1914-1992
Drees, Antonia 1915-1987
Fokke, August 1802-1872
Grafenberg, N. (Pseydonym)
Grashoff, W. v.1880-n.1924
Hana, Willem E. 1843-1915
Harger, Karoline 1846-????
Hehenkamp, Gh. 1851-1910
Hensen, Heinr. 1914-1989

Kip, Georg 1889-1965
Kip Jan Harm 1911-????
Knoop, Anton 1901-1970
Kuiper Heinrich 1937-2019
Lilienthal, Karl 1890-1956
Linde Carl v.d. 1861-1930
Lübbermann, Sigr. Jg. 1941
Maschmeyer-Meckelnburg
    geb. Sager, Lene 1913-1990
Meyering, Josef 1907-1988
Miquel, Franz W. 1818-1855
Naber, Karl 1900-1970
Pamans, Geesjen 1728-1821
Dr. Raben, J.-G. 1944-2022
Reurik, Harm ????-1955

Rose, Felicitas 1862 – 1938
Sager, Ludwig 1886-1970
Sauvagerd, Karl 1906-1992
Schücking, P. M. 1787-1857
Smoor, Jan 1905-1993
Specht, Heinrich 1885-1952
Staal, Hermann 1932-????
Dr. Stute, Otto, gest. 1950er J.
Sudendorf, Julius 1815-1893
Viehoff, Hartmut Jg. 1946
Dr. Wiarda, Siegfr. 1901-1983

Weitere Autor*innen

Gerrit Jan Beuker, Jg. 1953

Ich bin 1953 in Vorwald, jetzt Laar geboren als zweites von zehn Ki ndern. Nach dem Gymnasium in Nordhorn (1964 – 1972) habe ich bis 1977 Theologie studiert in Kampen, NL, und bin dort 1996 promoviert. Nach einem kurzen Intermezzo in Emden und in Grand Rapids, MI, habe ich von 1978 bis 2017 nacheinander als Pastor gearbeitet in den altreformierten Gemeinden Uelsen, Hoogstede und Laar, in Laar auch in der reformierten Gemeinde. Näheres auf meiner privaten Homepage  www.altreformiert.de/beuker

Seit etwa 1980 habe ich viele Artikel, Broschüren und Bücher publiziert vor allem zur Kirchen- und Ortsgeschichte der Niedergrafschaft. Eine umfassende Liste der Veröffentlichungen findet sich auf der genannten Website.
Ich lebe mit meiner Frau Gese seit 2017 im Ruhestand in Neuenhaus und arbeite seit 2018 bei den Heimatfreunden mit, seit 2022 auch als Beisitzer im Vorstand. In dieser Zeit sind für das Gebiet von Neuenhaus erschienen:
2020 Gemeinsam mit Christa Pfeifer,
Niks blif, wu ‚t is. Heinrich Kuiper. Gedichte und Texte
ISBN 978-3-9818211-9-2.  264 S., Preis 19.90 €.
2021 Einflussreiche Buchautorin aus Neuenhaus.
Geesjen Pamans 1727-1821 – Seelsorgerin und Schriftstellerin
in: Bentheimer Jahrbuch 2022, S. 111-114. ISBN 978-3-948761-01-1
Die reformierte „Heilige“ Geesjen Pamans (1727-1821)
aus Neuenhaus – Ihr Leben, ihr Werk und ihre Welt
in: Studiengesellschaft für Emsländische Regionalgeschichte,
Emsländische Geschichte, Bd. 28, 2021, S. 98-153
2022 Gestaltung, Redaktion und viele Beiträge für:
Grasdorf ist überall zwischen Hardingen und Breklenkamp, Lage und Osterwald, Neuenhaus und Veldhausen, Hilten und Bimolten, Esche und Frenswegen.
703 Seiten, etwa 950 Fotos, Preis 35,- €.
September 2022, ISBN 978-3-948761-04-2

Im Juli 2022: Überarbeitung und Ergänzung der Lebensbilder von Neuenhauser Autor*innen auf dieser Hompepage der Heimatfreunde Neuenhaus. Die meisten dieser Texte stammen aus der Feder von Dr. Johann-Georg Raben, der seit 2021 im St. Vincent Heim in Neuenhaus lebt. Ihm sei an dieser Stelle herzlich gedankt.

Dietrich Lüppo Bode 1905-1965

 

Aus einem Nachruf von Dr. Hermann Heddendorp im Bentheimer Jahrbuch 1967 (S. 4f):

Dietrich Lüppo Bodes Wiege stand in Uelsen. Dort wurde er am 2. Juni 1900 als erstes Kind des aus Ostfriesland stammenden Pastors Siegmund Eckhard Bode geboren. Seine Mutter […] war in Wittenberg aufgewachsen. Nach mehreren beruflichen Stationen und der Teilnahme an beiden Weltkriegen war er seit 1954 in Neuenhaus als Vertrauensmann der Hannoverschen Landesanstalt tätig. –

Diese neue Arbeit brachte Lüppo Bode in vielfältige Berührung mit der Bevölkerung der Niedergrafschaft und gab ihm den Anreiz und die Möglichkeit, in der Heimatforschung und -pflege ein lohnendes Betätigungsfeld zu entdecken. Von seinem Haus [1] in Neuenhaus, Lager Straße, aus, das nicht weit von der Stelle im Lager Busch steht, an der einstmals der Hof seiner Urgroßeltern, das Visschersche Gehöft, lag, wirkte er von nun an als begeisterter Pfleger heimatlicher Werte.
Als ehrenamtlicher Beauftragter des Kreises Grafschaft Bentheim war er unermüdlich darauf aus, dem Gedanken des Naturschutzes Geltung zu verschaffen und erhaltenswerte Naturdenkmale ausfindig zu machen und zu schützen. Als Beisitzer im Vorstand des Heimatvereins prägte er zu seinem Teil die Vereinsarbeit mit. Das heimatliche Schrifttum bereicherte er jahrelang mit Arbeiten über die Pflege der Natur.
Obwohl seine geschwächte Konstitution ihm immer Sorgen bereitete, ließ er es sich nicht nehmen, seinen Gedanken auch in Vorträgen und auf Exkursionen Ausdruck zu geben. Es ist nicht zuviel gesagt, wenn man ihn einen von Naturliebe besessenen Heimatfreund nennt. Die Grafschaft nahm ihn völlig in ihren Bann. Wenn heute der Gedanke des Naturschutzes in unserer Heimat viele verantwortungsbewußte Menschen erfüllt und wenn bei uns eine Anzahl von Naturdenkmalen ausgewiesen sind, dann ist das die schönste Frucht seiner unaufhörlichen Bemühungen.

Veröffentlichungen Lüppo Bodes:
(a) Woor ligg`t an, dat`t Plattproaten minder wott? Der Grafschafter, 1963, Seite 16.
(b) Spitznamen und Beinamen in der Dinkelstadt. DG, 1956, S. 347, und 1957, S. 391.
(c) Van`t Spöken en Besprecken. S. 50. (Hier wird eine Spukgeschichte erzählt.)
(d) Vöör Joahren in`n Hundehook in Uelsen. Der Grafschafter, 1957, S. 403. (Lüppo Bodes Elternhaus, das ev.-reformierte Pastorat, stand im Uelsener Hundehook.)
(e) Ein gutes Sammelergebnis vor 300 Jahren. Der Grafschafter, 1957, S. 443. (In der Grafschaft wurde 1657 für die Kirche in Lardenbach in Oberhessen gesammelt. Die Bentheimer Grafenfamilie hatte nach dort familiäre Beziehungen.)
(f) Zur Geschichte der Kirchenfenster in der reformierten Kirche in Neuenhaus. Der Grafschafter, August 1958, S. 538.
(g) Vertellselties ut de aule Döse. Eulenspiegeleien. Der Grafschafter, Januar 1959, S. 580.
(h) Die Naturschutzgebiete im „Swatten Venn“ in Tinholt. DG, Juni 1959, S. 614.
(i) Van de Jagd en van de Jägers. De Deäre under sick vertellt. DG, Okt. 1959, S. 647.
(j) Naturschutz und Landschaftspflege. Der Grafschafter, April 1960, S. 693.
(k) Bij „de Kracht“ van`t Langeveen. Der Grafschafter, April 1960, S. 698. (Über einen knorrigen Grenzbewohner und seine Lebensweise.)
(l) Wird sich der Goldregenpfeifer bei uns halten? Der Grafschafter, August 1960, S. 725.
(m) Burenfrauen bint knapp. Der Grafschafter, August 1960, S. 727. (Grenzüberschreitende Eheanbahnung)
(n) Landschaftspflege in der Praxis. Der Grafschafter, November 1960, S. 755.
(o) Spöllberg und Neegenbarge gehen in den Besitz des Landkreises Grafschaft über. Der Grafschafter, 1961, S. 804.
(p) Im Revier der letzten Goldregenpfeifer. Läßt sich noch ein Reservat erhalten? Der Grafschafter, 1961, S. 807.
(q) Alte Sitten und Gebräuche in einer Briefmarkenserie. DG, März 1962, S. 881.
(r) Niedersachsentage in Wilhelmshaven. Der Grafschafter, 1963, S. 81.
(s) Unsere plattdeutsche Sprache. Bentheimer Jahrbuch, 1953, S. 141.
(t) Das Problem von Zweeloo. Bentheimer Jahrbuch, 1959, S. 63. (Am Beispiel des Ortes Zweeloo bei Emmen stellt Lüppo Bode hier eine vorbildliche Pflege bäuerlicher Kultur und Landschaft vor. — Ein Vorbild mit nur minimalen Kritikpunkten.)
(u) Wassermühlen in der Niedergrafschaft. Bentheimer Jahrbuch, 1954, S. 26.
(v) Haltet die Letterdöke in Ehren! Bentheimer Jahrbuch, 1955, S. 140.
(w) Die Fliese, ein altes Kulturgut. Bentheimer Jahrbuch, 1958, S. 124.
(x) Alte und neue Bauernhäuser in der Niedergrafschaft. Bentheimer Jahrbuch, 1964, S. 19.
(y) Frauenarbeit in früheren Zeiten: Das Wäschebleichen in Neuenhaus. Der Grafschafter, 2000, S. 33 f. (Veröffentlicht aus dem Nachlaß, aus Anlaß des 100. Geburtstages von Lüppo Bode.)

Anmerkung:
Lüppo Bode wohnte in dem heutigen Haus Lager Straße 107. Das dicht bei diesem Haus gelegene Wäldchen, über dessen teilweise Abholzung zu Anfang des Jahres 2009 heftig gestritten wurde, bezeichnete man früher als „Bodes Wäldchen“ wie Leonhard Harger mitteilt (vergleiche einen Leserbrief Hargers in den Grafschafter Nachrichten vom 17. März 2009, S. 16).
Harger skizziert in seinem Leserbrief Bodes Lebenslauf, würdigt u.a. seinen Einsatz für den Naturschutz und schlägt vor, das erwähnte Wäldchen in Grundstückskarten etc. offiziell als „Bodes Wäldchen“ zu bezeichnen. Er fände es auch angebracht, dort — Lüppo Bode zu Ehren — eine kleine Gedenktafel aufzustellen. Dazu müsse „Bodes Wäldchen“ natürlich – wenn auch in „gelichtetem“ Zustand — unbedingt erhalten bleiben, meint er. Harger erwähnt — ohne Quellenanangabe — einen (oben nicht aufgeführten) Artikel Bodes mit dem Titel „Rund um die Bleeken von Neuenhaus“. Auch über den Egger Riesen habe Bode berichtet.                                                                                J.-G. Raben

Carl Friedrich Brill 1794-1887

 

Von Brill zeichnet Ludwig Sager ein eindrückliches Lebensbild (1). Brill seine beeindruckende Grabstätte befindet sich auf dem historischen Neuenhauser Kommunalfriedhof nahe der Uelsener Straße und der Satingsbaane. Brill erreichte das hohe Alter von 93 Jahren. Er bekleidete im Laufe seines langen Lebens verschiedene Posten im Dienst des Königs von Hannover und des Fürsten zu Bentheim. So war er u.a. Fürstlich-Bentheimischer Oberförster und Fürstlicher Hausvogt. Durch seine vielen Ämter und Aufgaben hatte er einen großen Einfluss. 

Sager schreibt über ihn: „Er stand sieben volle Jahrzehnte im öffentlichen Leben unserer Grafschaft, dem er nach allen Seiten hin immer neue Anregungen gab, ein unerschrockener Kämpfer und eine ganze Persönlichkeit“. Vom König von Hannover wurde er – ungewöhnlich für einen Oberförster – mit dem Kronenorden und dem Roten-Adler-Orden ausgezeichnet.
Carl Friedrich Brill hat einige Aufsätze geschrieben (2). Er kämpfte als Politiker und Verwaltungsmann für eine Weiterentwicklung der Grafschaft und für die Interessen seines Fürsten. Sager weist darauf hin, dass ein großer Teil von den „Bergen von Akten, Eingaben und Petitionen“, die im fürstlichen Archiv in Burgsteinfurt im Laufe der Jahrhunderte gesammelt wurden, aus Brills Feder stammt.

Anmerkungen
(1) Siehe: Der Grafschafter, 1964, S. 133. – Wie Sager mitteilt, wohnte Brill in Grasdorf. Es ist zu vermuten, daß sein Haus am Strootgraben stand, ganz in der Nähe des heutigen Kreisverkehrs. Das Grundstück gehört jetzt zum Lidl-Gelände. Ältere Neuenhauser werden sich an ein weiß verputztes Haus erinnern, in dem zuletzt die Familie Blume lebte. Es stand mit der Giebelseite zur Straße hin. In den 1920er Jahren wohnte in dem Haus Erich Pannenborg, der dann nach Veldhausen umzog.
(2) Siehe Heinrich, Bibliographie des heimatlichen Schrifttums (1932, S. 38), wo sieben Titel genannt sind.
Vergleiche auch: Ingo Löppenberg, Brill. Chronik der Familie Brill… 1920-2020, S. 55-62 (gjb)
                                                                                                                                                   J.-G. Raben

Carl Ludwig Buch, 1753 - um 1820

Buch kam durch seinen Beruf nach Neuenhaus. Weil er im Verlaufe seines Wirkens dort mit den politischen Gegebenheiten in der Grafschaft sehr unzufrieden wurde und stark mit der Französischen Revolution sympathisierte, wurde er zum Verfasser einer politischen Schmähschrift und später zum Diplomaten im Dienst der Franzosen.
Im Biographischen Handbuch zur Geschichte der Region Osnabrück (1) wird Buchs ereignisreicher, ja sogar abenteuerlicher Lebenslauf wie folgt skizziert:

BUCH, Carl Ludwig, * 1753, General-Landeseinnehmer. — Buch war der älteste Sohn des bentheimischen Regierungsrats Johann Cristoph Buch. Er studierte ab 1773 in Göttingen Rechtswissenschaft und wurde 1775 General-Landeseinnehmer [= oberster Steuerbeamter, JGR] der an Hannover verpfändeten Grafschaft Bentheim mit Amtssitz in Neuenhaus.

Über Bentheim hinaus wurde er als Verfasser der „Landesbeschwerden“ bekannt, einer im Februar 1790 erschienenen anonymen Schrift, die in scharfer Form die hannoversche Verwaltung der Grafschaft Bentheim angriff und persönliche Angriffe gegen den Regierungsrat Hermann Nikolaus Funck enthielt. Nachdem sich Buch seine Urheberschaft herausgestellt hatte, wurde ein Verfahren gegen ihn eingeleitet, das zu seiner Verurteilung zu einer vierjährigen Haftstrafe durch die Juristenfakultät Leipzig im März 1791 führte. Die Gießener Juristenfakultät bestätigte 1794 das Urteil, nachdem zuvor Buchs Berufung beim Reichskammergericht abgelehnt worden war. Im November 1797 schied er, ohne daß das Urteil bisher vollstreckt worden war, eigenmächtig aus dem Amt.

Noch 1797 trat er in die Dienste der Batavischen Republik und bemühte sich als deren Gesandter auf dem Kongreß von Rastatt um eine Vereinigung der Grafschaft Bentheim mit der Batavischen Republik. 1811 war er kaiserlicher Prokurator beim Tribunal erster Instanz in Münster.

Als Literatur ist angegeben: E. Finkemeyer, Verfassung, Verwaltung und Rechtspflege der Grafschaft Bentheim zur Zeit der hannoverschen Pfandschaft 1753-1804, in: OM [= Osnabrücker Mitteilungen] 75 (1968), S. 1 ff.
Der vollständige Titel von Buchs Schmähschrift lautet: „Die Landesbeschwerden der Reichsgrafschaft Bentheim“. Heute würde man diesen Titel wohl so formulieren: „Die politischen Missstände in der Reichsgrafschaft Bentheim“.

Es ist überliefert, daß Buchs Schrift damals international großes Aufsehen erregte. Seine Bemühung, die Grafschaft zu einem Teil Hollands zu machen, ist für Grafschafter jedenfalls ein hochinteressantes historisches Faktum.

Anmerkung
Bearbeitet von Rainer Hehemann. Bramsche: Rasch-Verlag, 1990, S. 49.

J.-G. Raben

Wilhelm Buddenberg 1914-1992

Wilhelm Buddenberg stammte aus Neuenhaus, wo seine Eltern in der Hauptstraße eine Bäckerei betrieben. Er entschied sich für den Beruf des Lehrers, war an verschiedenen Volksschulen in der Grafschaft tätig und wurde 1955 zum Rektor der Ernst-Moritz-Arndt-Schule in Nordhorn ernannt. 1967 gab er dieses Amt auf, um sich ganz der Politik widmen. „Er übernahm Aufgaben in Stadt und Land, wurde Bürgermeister von Nordhorn, Kreistagsabgeordneter und Landrat, Abgeordneter im Niedersächsischen Landtag

(Nachruf im Bentheimer Jahrbuch, 1993, S. 7).

Schon früh arbeitete Wilhelm Buddenberg im Heimatverein der Grafschaft Bentheim mit, in dessen Vorstand er 1952 gewählt wurde und dessen zweiter Vorsitzender er von 1972 bis zu seinem Tode war.
Wilhelm Buddenberg interessierte sich stark für die Grafschafter Heimatdichtung und die plattdeutsche Sprache. Er war Mitherausgeber des 1989 in der dritten Auflage erschienenen Bandes „Heimatdichtung der Grafschaft Bentheim“ und Herausgeber des Bandes „Ut de Pütte. Groafschupper Platt föar groot en kläin“ (1994), in dem Erzählungen und Gedichte von vierundzwanzig Grafschafter Autoren gesammelt worden sind.
In den Jahren 1980 bis 1988 veröffentlichte er im Selbstverlag sechs schmale Bände, in denen er lustige Geschichten in Grafschafter Platt gesammelt hat. Die Titel dieser Büchlein von jeweils rund fünfzig Seiten lauten zumeist ähnlich: „Kaalchen un Lieschen“ (1980), „Freu di met“ (1981), „Freu di noch moal“ (1982), „Freu di weär“ (1983), „Freu di verdann“ (1985), „Freu di altied“, (1988). Der Untertitel lautet jeweils: „Pleseärege Geschichten föar jung en ault“.
Einen weiten Leserkreis erreichte Wilhelm Buddenberg mit der Spalte „Groafschupper Platt in`t Wochenblatt“, die er seit 1983 regelmäßig schrieb. „In schlichten, humorvollen Anekdoten, in kurzen Erzählungen voller Lebensweisheit und in Kommentaren zum Tagesgeschehen wusste er seine Leserschaft anzusprechen und zu unterhalten, verstand es aber auch, eine Botschaft zu überbringen.“ (Zitat aus dem bereits erwähnten Nachruf, S. 8)
Um die Grafschafter Heimatforschung verdient gemacht hat sich Wilhelm Buddenberg auch dadurch, dass im Jahre 1981 auf seine Initiative hin — in Zusammenarbeit mit der Neuenhauser Buchhandlung Hille – eine Neuauflage des seit langem vergriffenen Buches „Jugenderinnerungen eines Grafschafters“ (verfasst von dem aus Neuenhaus stammenden Lehrer G. Hehenkamp und 1905 in Meppen erschienen) erfolgte.
J.-G. Raben

Antonia Drees 1915-1987

Antonia Drees entstammte einer alteingesessenen Neuenhauser Familie, die das heutige historische Haus Veldhausener Straße 49 nahe dem Bahnhof bewohnte. Der Vater war Auktionator. Antonia Drees – genannt „Toni Drees“ — lebte in dem Haus nach dem frühen Tode der Eltern mit ihrer ebenfalls unverheirateten Schwester Elisabeth zusammen, die als Vertreterin für die Landeskreditanstalt arbeitete, während sie selbst beim Telegraphendienst der Post in Nordhorn angestellt war.
Antonia Drees schrieb Gedichte, die im Bentheimer Jahrbuch, im „Grafschafter“ und im
Evangelisch-reformierten Sonntagsblatt Aufnahme fanden. Ich nenne hier:
„Mein Grafschafter Land“ (Bentheimer Jahrbuch 1985, Seite 252);
„Der Bruder“ (Bentheimer Jahrbuch 1982, Seite 264);
„Holunderbaum“ (Bentheimer Jahrbuch 1986, Seite 158);
„Neujahrsmorgen“ (Bentheimer Jahrbuch 1987, Seite 278).
J.-G. Raben

 

August Fokke 1802-1872

August Fokke war ab 1851 Ober-Schulinspektor der Grafschaft Bentheim mit Wohnsitz in Neuenhaus. Er gründete dort auch eine private Lehrerausbildungsanstalt, die rund 22 Jahre bestand. Er liegt auf dem Neuenhauser Friedhof begraben.
Fockes schriftstellerische Aktivitäten werden von Karl Sauvagerd im Bentheimer Jahrbuch 1975 (S. 249) folgendermaßen beschrieben:
Dieser Schulmann machte sich auch einen Namen als Schriftsteller. Von ihm stammt der Roman aus der Wiedertäuferzeit „Anna Holmer“ in der ersten Fassung. Sein Sohn Arnold, der später Professor in Wilhelmshaven war, gab dieses Werk mit dem Untertitel „Aus den nachgelassenen Werken eines alten Schulmeisters“ heraus. Rektor Heinrich Specht bearbeitete den Stoff noch einmal; so entstand das Buch „Das Heil’ge Feuer“. August Fokke hielt sich mit seinem Roman an die Grafschafter Landschaft; die Erzählung spielt vornehmlich im Samer Rott, in Samern, auf dem Hofe SchulzeHolmer.
Nicht bekannt ist bisher, daß August Fokke noch weitere heimatbezogene Werke schrieb. Doch Herr Georg Strauß, mein Nachbar, ein Enkel Fokkes, übergab mir eines Tages ein Manuskript, welches ein anderes Gebiet unserer Grafschaft als Handlungsort aufweist, nämlich den Oeding-Hof. [1] Leider ist diese Arbeit unvollendet geblieben. Da sie aber die Art zu schreiben und die Lebensumstände der Bevölkerung aus damaliger Zeit deutlich werden läßt, dürfte sie auch als Fragment heute noch interessant sein. Diesem fehlt leider ein Titel, ich habe deshalb den Namen der Hauptperson der Handlung dafür genommen.
Karl Sauvagerd hat das hier beschriebene Manuskript in bearbeiteter Form unter dem Titel „Klaska, die Zigeunerin“ in dem zitierten Bentheimer Jahrbuch auf den Seiten 249-69 veröffentlicht. Auf Seite 250 findet sich ein Foto August Fockes.
Anmerkung:
(1) Der Oedinghof, auch „Haus Esche“ genannt, war ein in der Landgemeinde Esche im Kirchspiel Veldhausen gelegener uralter Adelshof. Rudolf vom Bruch beschreibt die Geschichte des Oedinghofes ausführlich in seinem Buch „Die Rittersitze des Emslandes“ (Münster, 1962). Eine Tuschzeichnung, die dort abgedruckt ist, zeigt den Hof im Jahre 1733. Er hat heute die Adresse Hauptstraße 13 und liegt in der Nähe des Naturschutzgebietes „Brünas Heide“. Historische Bausubstanz gibt es dort nicht mehr. Nur der weiträumige Bestand an Eichenbäumen, um das Bauernhaus herum, lässt die frühere Anlage noch etwas ahnen. Leider wird auf der bei dem Naturschutzgebiet aufgestellten bunten Infotrommel von „kunstwegen“ der banachbarte ehemalige Ödinghof nicht erwähnt.
Siehe zum Oedinghof auch Theodor Stiasnys Chronik des Kirchspiels Veldhausen (darin das Kapitel über Esche), erschienen im Jahre 2000, erhältlich bei der Kirchengemeinde. In einer holländischen Erzählung der Schriftstellerin „L.E.“ (= Louise Engelberts) mit dem Titel „La bellissime Hollande“ (= Das sehr schöne Holland), die um 1770 in Veldhausen spielt, wird eine auf dem Escher Oedinghof residierende vornehme Familie namens Voet erwähnt.
Karl Naber hat diese Erzählung, die auf wahren Begebenheiten beruht, in Veldhauser Platt nacherzählt. (Siehe Der Grafschafter, 1962, S. 879 f. und 887 f.) Zur Heldin der Geschichte, Jenny von Bar, siehe ein Kapitel in Ernst Kühles Buch „Veldhausen“, 1973, Seite 60 f.
Ebenfalls einen Aufsatz von Ulrike Sheldon in Möser-Forum 1/1989, herausgegeben von Winfried Woesler, S. 139-155. Titel des Aufsatzes: Die Briefe der Johanna Friederika von Bar an Justus Möser. Zur „Bürgerlichkeit“ einer adligen Frau. Eine Fallstudie.
J.-G. Raben

 

Nieke v. Grafenberg (Pseudonym)

Diese Autorin stammt aus Oberschlesien und kam 1945 als Flüchtling nach Schüttorf und Veldhausen. Über ihre Erlebnisse hat sie ein Buch mit dem Titel „Claras Geschichte“, verfasst, das 2013 bei Amazon als e-Book erschienen ist. (Siehe eine Besprechung durch Bernd Durstewitz in den Grafschafter Nachrichten vom 19. Februar 2013)

J.-G. Raben

Wilhelm Grashoff, vor 1880 - nach 1920

Grashof seine Lebensdaten konnte ich nicht ermitteln. Er ist hier unter anderem dadurch erwähnenswert, daß er im Jahre 1906 ein schönes „Grafschafter Heimatlied“ von vier achtzeiligen Strophen gedichtet hat (1), das nach der Melodie des wenig bekannten Liedes „Strömt herbei, ihr Völkerscharen“ gesungen werden kann. Die beiden Anfangszeilen des Heimatliedes lauten: „Weit entfernt vom Weltgetriebe liegt die teure Heimat mein […]“. In der Heimatliteratur ist er mit drei Artikeln vertreten. (2).
gjb: Grasdorf war viele Jahre Direktor der Landwirtschaftsschule in Neuenhaus.

Wilhelm Grashoff war vermutlich ein Sohn des recht bedeutenden evangelisch-lutherischen Geistlichen gleichen Namens (1828-1903), dessen Lebenslauf im „Biographischen Handbuch zur Geschichte der Region Osnabrück“ (1990) skizziert wird. (3)
Grashoff, der als „Direktor“ bezeichnet wurde, baute ab dem Jahre 1903 die „Landwirtschaftliche Winterschule“ in Neuenhaus auf und war bis 1925 ihr Leiter. Danach verließ er die Grafschaft. Die Schule war anfänglich im heutigen Alten Rathaus untergebracht. Grashoff klagte des Öfteren über die mangelnde Förderung seiner Schule von behördlicher Seite. Zum Beispiel musste er dafür kämpfen, daß er von der Stadt Neuenhaus die entsprechenden Unterrichtsmöbel erhielt. Darüber hinaus sahen viele Bauern es als überflüssig an, ihre Söhne auf diese Schule zu schicken, so daß er also bei ihnen erst noch Aufklärungs- und Überzeugunsarbeit zu leisten hatte. (4)
Von 1918 bis 1925 war Grashoff Vorsitzender des Heimatvereins der Grafschaft Bentheim. (5) Es ist überliefert, daß er in dem Haus Uelser Straße 16 wohnte. In der damaligen Lokalzeitung werden er und die Landwirtschaftsschule Neuenhaus ziemlich häufig erwähnt (vergleiche die Rubrik „Die Grafschaft vor hundert Jahren“ in jüngeren Ausgaben des „Grafschafters“).
Jörg Deuter fasst Grashoffs Wirken in der Grafschaft Bentheim wie folgt zusammen: Auch sonst [– das heißt: über seine Aktivitäten zur Verbesserung der Grafschafter Landwirtschaft hinaus, JGR –] muß er im regionalen Leben der Stadt Neuenhaus eine vielseitige und impulsgebende Persönlichkeit gewesen sein, der leider der äußere Erfolg versagt blieb. [6] In einem […] autobiographischen Brief an einen seiner Amtsnachfolger berichtet Grashoff nicht ohne Resignation und Verstimmung von seiner schwierigen Pionierarbeit in der Grafschaft. (S. 204)
Wilhelm Grashoff taucht in der Literaturgeschichte auch dadurch auf, daß er mit dem Dichter und Schriftsteller Hermann Löns (1866-1914) befreundet war. (7) Hätte es diese Freundschaft nicht gegeben, wäre der (wegen Schulden, Orientierungslosigkeit und zweier „Frauengeschichten“ aus Hannover geflüchtete) Löns vermutlich nicht mehrere Male in die Grafschaft und in die benachbarte Twente gekommen und es gäbe in seinem Werk nicht bestimmte Anklänge an diese Aufenthalte. Wilhelm Grashoff und dessen Wohnung in Neuenhaus waren für den getriebenen „Heidedichter“, der verzweifelt nach einer akzeptablen Lebensform für sich suchte, eine kurzfristige Anlaufstelle bei seinen Reisen in die hiesige Gegend. (8)
Deuter betont: „Das Verhältnis Löns` zu Grashoff ist weitgehend unerforscht. Wo Löns den emsländischen Agrarpädagogen kennenlernte und welche Veranlassung vorlag, gerade Grashoff in der recht bedeutsamen Frage des neuen Wohnsitzes, als der Ootmarsum zunächst ja gedacht war, zu Rate zu ziehen, wissen wir nicht.“ (S. 203 f.)
Zu der Frage, wie die beiden in Kontakt zueinander kamen, schreibt Deuter (S. 204): „Den Kontakt zu Hermann Löns dürfte Grashoff wohl über seine publizierende Arbeit geknüpft haben.“ — Grashoff schrieb nämlich laufend Artikel für verschiedene Zeitungen und Zeitschriften. Auch gab er fünfzehn Jahre lang die landwirtschaftliche Beilage der Schüttorfer Zeitung heraus. (siehe S. 204)
Weiter schreibt Deuter: „Auf jeden Fall muß Grashoff auf eine Lönssche Anfrage im Sommer 1912 Ootmarsum als geeigneten Wohnort vorgeschlagen haben.“ (ebendort) Der Darstellung von Grashoff und Heinrich Specht zufolge kam Hermann Löns zum Zwecke wissenschaftlicher Untersuchungen in die Grafschaft: Naturwissenschaftliche Interessen trieben ihn her. Löns beabsichtigte, ein großes Werk über die Vögel der Provinz Hannover zu schreiben und bedurfte dazu ergänzender Nachrichten aus der Grafschaft Bentheim […]. Der Dichter wandte sich in dieser Angelegenheit an den Vorsitzenden des Heimatvereins, Herrn Direktor Grashoff. (9)
Die persönliche Sinnfindungskrise, von der Löns getrieben war, als er in die Grafschaft kam und die als Motiv anscheinend überwog, wird von Grashoff und Specht taktvoll verschwiegen. Möglicherweise war diese Krise ihnen nicht bekannt (beziehungsweise nicht in vollem Ausmaß bekannt).
Anmerkungen:
(1) Das Lied ist abgedruckt im Bentheimer Jahrbuch 1971, S. 120. Der Titel von „Strömt herbei, ihr Völkerscharen“ lautet: „Rheinlied“. Text und Noten des Liedes sind zu finden im „Deutschen Kommersbuch“, Herder Verlag, Freiburg. Dichter des Liedes war Otto Julius Imkermann (1823-1862). Die Melodie wurde komponiert von Peter Johann Peters (1820- 1870). Siehe MarkomannenWiki.de.
(2) Es handelt sich hierbei um die folgenden Beiträge: „Das Samer-Rott“ (Jahrbuch des Heimatvereins, 1918), „Unsere Landwirtschaft“ (Zeitung und Anzeigeblatt vom 15. August 1924), „Aus der Entwicklungsgeschichte eines Bauernhofes“ (Hannoverland, 1910, S. 11 ff.; ebenfalls erschienen im Jahrbuch des Heimatvereins, 1921, S. 12-15). Der letztere Aufsatz bezieht sich auf den Hof Kleine Brookhuis in Wilsum.
(3) Bearbeitet von Rainer Hehemann, herausgegeben vom Landschaftsverband Osnabrück e.V., Rasch-Verlag, Bramsche, 1990.
(4) Grashoffs Einsatz für die Grafschafter Landwirtschaft (z.B. für die Ödlandkultivierung), aber auch die Schwierigkeiten, mit denen er zu kämpfen hatte, werden beschrieben von Jörg Deuter in seinem hochinteressanten Aufsatz „Hermann Löns und das Emsland“ im Emsland- Jahrbuch 1976, S. 203 f.
(5) Einen guten Überblick über die Geschichte des Heimatvereins der Grafschaft Bentheim, der im Jahre 1910 gegründet wurde, liefert Hartmut Abel in der GN-Beilage „Wir Grafschafter. 125 Jahre Landkreis“ (1. April 2010, S. 21-24). Dort werden auch die Amtszeiten sämtlicher bisheriger Vorsitzender des Vereins genannt.
(6) Deuters Urteil, der „äußere Erfolg“ sei Grashoff „versagt“ geblieben, ist wohl zu hart.
(7) Es ist unklar, ob man hier von einer echten Freundschaft sprechen kann, oder ob man eher von einer Bekanntschaft reden sollte.
(8) Mit Hermann Löns` Aufenthalten in der Grafschaft Bentheim und in der Twente befassen sich (über den genannten Aufsatz von J. Deuter hinaus) mehrere heimatgeschichtliche Artikel. Vergleiche Willy Friedrich im Bentheimer Jahrbuch 1959, S. 238 ff., Karl Koch ebendort, 1991, S. 69-74, D. Lütje Schipholt im Bentheimer Heimatkalender 1936, S. 71, N.N. ebendort 1935, S. 116, Heinrich Kuiper in den Grafschafter Nachrichten vom 17. August 2008, S. 22. — Siehe auch Hermann Löns` „Briefe an Otto Leege“ im Bentheimer Heimatkalender 1935, S. 118. Der bedeutende Naturforscher Otto Leege stammte aus Uelsen. Hermann Löns hatte brieflichen und persönlichen Kontakt zu ihm.
(9) Zitiert aus einem Beitrag Spechts mit dem Titel „Hermann Löns und die Grafschaft Bentheim“ (in: Der Grafschafter, 13. Dez. 1920, Nr. 7). Der Beitrag ist eine Zusammenfassung eines Vortrages, den Grashoff am 28. November 1920 „im Koopmann`schen Saale zu Nordhorn“ gehalten hatte. Specht lässt seiner Zusammenfassung einen eigenen Beitrag mit dem Titel „Hermann Löns als Naturforscher“ folgen. Grashoff war im Jahre 1912, als Löns mit ihm Kontakt aufnahm, noch nicht Vorsitzender des Heimatvereins. Dies wurde er, wie erwähnt, erst 1918. Specht geht vom „Jetztzustand“ des Jahres 1920 aus. Löns kann zu Grashoff also nicht wegen dessen Amtes als Vereinsvorsitzender Kontakt aufgenommen haben.
J.-G. Raben

Willem Elias Hana 1843 - 1915

Willem Elias Hana ist 1843 in Neuenhaus geboren als Sohn von Berend Hana und Jacoba Hendrina Caldeweij, gestorben 1915 in Zürich. Er wohnte dort zusammen mit einem Bruder, das kann nur Gerrit Anton Bernhard Hana, geboren 1851 in Neuenhaus, gewesen sein. Die Verwandte, die ihm den Neujahrskuchen geschickt hat, ist möglicherweise Adelaide Anna Hillegonda Keller, deren Mutter eine Schwester von Berend Hana war, also eine Kusine von Willem Elias. Deren Bruder war Weinhändler in Varel, dort hat vielleicht auch seine Schwester gewohnt.
Dieser Heimatdichter entstammte einer Neuenhauser Familie von Geschäftsleuten und arbeitete selber in diesem Bereich. Die Hanas waren „Partikuliere“, d.h. „Fluss-Reeder“. Sie ließen Schiffe auf der Vechte und anderen Flüssen fahren und betrieben Handel mit Holland; z.B. sollen sie in großen Mengen holländische Fliesen in die Grafschaft importiert haben. (Vergleiche dazu die beiden unten angegebenen Beiträge von Manfred Kip im „Grafschafter“)
Willem Elias Hana ist vor allem insofern von Bedeutung, als er anscheinend der erste war, der in der Grafschaft Bentheim in Plattdeutsch schrieb – noch vor Harm Bleumer („Up mien Besseva sienen Hof“, erschienen um 1920) und Carl van der Linde, der in den 1920er Jahren schrieb und veröffentlichte. (1)
Um die Jahrhunderwende des Jahres 1900 hat Hana in der damaligen Neuenhauser „Zeitung und Anzeigenblatt“ mehrere Gedichte veröffentlicht, darunter am 14. Oktober 1902 eines mit dem Titel „Eerappelrooden“ (= Kartoffelernte). Das Gedicht hat elf Strophen von ungleicher Länge; die erste lautet folgendermaßen:
Eerpel rooden
Mij dünkt, segg Jan, ‚t is hooge Tied,
de Eerpels mött’t d’r ut!
De Winterdag is nich mehr wiet
en ‚t Weer hoult sik noch gut;
bliff`t noch ’n bettien helder,
dann kummt se dräög in’n Kelder.
Das Gedicht ist nachgedruckt worden im Bentheimer Jahrbuch 1953, Seite 137 f. Es wäre gut, auch die übrigen Gedichte Hanas in den alten Ausgaben der genannten Neuenhauser Zeitung aufzuspüren.
Willem Elias Hana lebte zuletzt in Zürich und war einer von sieben „Wohltätern“, d.h. Spendern, des evangelisch-reformierten Krankenhauses in Hilten. (Vergleiche eine marmorne „Ehrentafel der Wohltäter unseres Krankenhauses“, die in der Eingangshalle des Altenheimes „Haus Hilten“ an einer Wand anbebracht ist.)
Hana war mit der Neuenhauser Familie Schey verwandt, die das 1895 erbaute villenartige Haus Lager Straße Nr. 37 bewohnte, das an der Vorderfront die Inschrift „Villa zur Heimath“ trägt. In einem Nachlaß aus dieser Familie fand Frau Ruth Prinz ein Gedicht, das Hana „offensichtlich 1883 in Zürich schrieb und das 17 Strophen umfasst. Hana bedankt sich darin ganz herzlich für eine Sendung von Neujahrskuchen, die ihm die Familie Schey in die ferne Schweiz geschickt hatte, und er nimmt dies zum Anlaß, in blumigen Worten die Herstellung, den Duft der Kuchen und die Bräuche, die sich damit verbinden, zu beschreiben. In der vorletzten Strophe zitiert er – in Anführungszeichen gesetzt — die ersten vier Zeilen des Neuenhauser Wachtliedes.“ (2) (Siehe weiter unten: Neujahrskuchen)
Daß Willem Elias Hana der Verfasser der beiden Neuenhauser Wachtlieder gewesen sein könnte – wie von manchen vermutet worden ist –, dürfte nicht zutreffen; denn diese beiden Lieder sind, ihrer Sprache nach zu urteilen, holländischen Ursprungs und entstanden lange vor Hanas Lebenszeit. Man darf sie wohl als Denkmäler einer „anonymen holländischen Volksdichtung“ bezeichnen – einer Volksdichtung, die über die Staatsgrenze hinaus auch auf die von der holländischen Kultur stark beeinflusste Grafschaft Bentheim ausstrahlte. (3)
Literaturangaben:
Kip, Manfred. Wer war Willem Elias Hana? Zum Ursprung des Neuenhauser Wachtliedes. Der Grafschafter, Jan. 2005, S. 4.
Kip, Manfred. Immer noch unbekannt: Die Herkunft der Neuenhauser Wachtlieder. Großes Echo auf den Bericht über Willem Elias Hana. Der Grafschafter, 2006, S. 2.
Anmerkungen:
(1) Der aus Tinholt stammende Bauernsohn Harm Bleumer war von 1899 bis April 1907 Lehrer an der Grasdorfer Volksschule. Er ging dann nach Papenburg. In Osnabrück leben noch Nachfahren von ihm. Ein Teil seiner plattdeutschen Schriften ging leider im Zweiten Weltkrieg bei einem Luftangriff durch Zerstörung der Bleumerschen Wohnung verloren.
(2) Manfred Kip in einem bislang unveröffentlichten Aufsatz mit dem Titel: „Das Rätselraten darf weitergehen. Willem Elias Hana und das Neuenhauser Wachtlied“. Kip merkt in diesem Aufsatz zu der Familie Schey an, dass diese „einen großen Obstgarten besaß, der bis an den Dinkelbogen ging.“ 2008 wurde entlang des Dinkelbogens eine neue Straße gebaut, die den Namen „Dinkelbogen“ trägt. Dort entsteht jetzt ein neues Baugebiet. Der erwähnte Obstgarten existiert noch; allerdings ist er etwas verwildert und die Bäume sind alt.
(3) Einzelne Zeilen der Neuenhauser Wachtlieder (besser gesagt: „Sylvesterlieder“) finden sich wortwörtlich auch in holländischen Wachtliedern, so z.B. in Gramsbergen bei Coevorden. Vergleiche ein im dortigen „Museum Vechtdal“ eingerahmt hängendes Wachtlied.

 

Neujahrskuchen

Als wir heut zu Haus gekommen,
Haben wir vergnügt vernommen,
Daß man uns aus Jeverland
Eine Trommel hat gesandt!

Allgemein war da die Freude!
Überrascht sehn wir uns beide
Staunend die Bescherung an,
Als das Ding sich aufgethan!

Denn es strömte uns entgegen
Süßer Wohlgeruch von wegen
des bekannten Leibgericht,
Das so sehr zum Herzen spricht!

Aufgerollte Neujahrskuchen!
Wo soll man sie anders suchen,
Als im lieben Heimathland,
dort, wo unsre Wiege stand?

Neujahrskuchen! Ja, die runden,
die uns allen herrlich munden,
Sie erinnern uns noch heut
An die liebe Jugendzeit!

Neigte sich das Jahr zu Ende,
regten sich viel fleiß’ge Hände,
Holten Butter, Mehl herbei,
Zucker, Zimmet, Salz und Ei.

 

 

Und aus diesen Siebensachen
Wußte man den Teig zu machen;
Knetet ihn mit aller Macht,
Daß das Tischbrett stöhnt und kracht!

Auf dem Herde wird indessen
Aufzubauen nicht vergessen
Riesengroß ein Torfgerüst,
Draus sich Höllenglut ergießt!

Über diesem mächt’gen Feuer
Schwebet bald ein Ungeheuer:
Kucheneisen man es nennt,
Das man anderswo nicht kennt.

Ach, in dieser großen Zange
Wird’s dem Kuchen angst und bange;
Hört nur, wie er zischt und schreit,
Bis man endlich ihn befreit!

Wohlgefällig nun die Frauen
Auf das braune Backwerk schauen,
Und die kleine zarte Hand
Rollt es emsig und gewandt.
Kinder sitzen froh im Kreise
Um den Herd und zählen leise

Der geliebten Kuchen Schaar,
Die bestimmt für’s neue Jahr!
Draußen tönen hell die Glocken,
Schwirren dichte Winterflocken,


Decken mit dem weißen Kleid
Nun des Jahres Freud und Leid!
Wächter macht die letzte Runde
Noch zur späten Abendstunde;


Ihn begleiten, wie es Brauch,„Jungens“ und die „Wichter“ auch.
Jubelnd ziehn sie froh und heiter
Schreiend durch die Straßen weiter.


Und es dringt mit aller Macht
Nun durch die Sylvesternacht:
„Daar koom wij aangetreden,
De klok slaat over tien,
Slaap maar gerust tevreden
Wij zullen wel toezien!“ –


Habet Dank für Eure Güte,
Es behüte
Euch der Himmel immerdar,
Schenke Euch noch manches Jahr!

Zürich, 26. Sept. 1883

Karoline Harger 1846 - ?

Caroliena Arnoldina Harger wurde am 17. September 1848 in Neuenhaus geboren als zweites von fünf Kindern von Gerhard Cornelis Harger (1806 – 1861) und Eva Johanna Susanna Metelerkamp Cappenberg (1815 – 1876). (Ortsfamilienbuch Neuenhaus, gjb)
Die Quellenangabe für den nachfolgenden Beitrag lässt sich nicht ermitteln. Der Beitrag weist am Ende antisemitische Tendenzen auf: Ein Jude habe sich als Bär verkleidet, als Gespenst betätigt, um so ein Haus billig kaufen zu können.

Dat Spook van Amsterdam
Ik hebbe altied vull van ounse Groafschupper Platt hollen, en et spiet mi, dat in leste Tied vull Groafschupper meent, et was vöärnahmer, wenn se hochdüts do’t. Aß ick noch jung was, schamde wi ouns, üm up de Stroate düts te proaten, en ik hoppe, dat’t noch weär soa wott. `n Döntien ut de aule Dööse, joa, wu sull’m dat dann vertellen? Ik do’t up Platt. Froger, in de Winterdag, as wi stief van Kaule vant Is kwammen, smeet wi de Kloumpe achterut en sett’n de Fööte up de worme Plate ant Füür. De Noaberkinner kwammen ock mett, en mien Vader sä dann:”Soa, Kinner, nu sa’ck U es’n Döntien vertellen, wat wisse geböärt is”.
En he begünn: In Amsterdam was in eene van de mojsten Stroaten `n heel prachtig Hus. Rieke Löö wun’den doar in. Up `nen guden Oawend – de Minheer satt met seine Familie in de Kamer an’n Hook van’n Heärd, de Kalkpiepe smöäkde en de Tee dampde, de antieke Klokke slööt net twalf Uer – ick segge, up den Oawend kwamp d’r `n groot Gebaulter en Gerappel van Kedden van de Trappe. Heel verschrickt lööt’ de Minheer de Piepe ut’n Mound, en de Mefrau dat Teeköppien met Bewen up de Ground fallen. Eene keek den andern benaut in de Oagen.En nu – doar packde well an de Döärenklinke; versichtig schööf sick de Döäre löss, en well kwamm d’r in? Nen groaten Bär kwamm d’r an krupen! „Nu – nu – nu“ brummde he. Nu böärde he sick stäjl up. Va, Mo, Kinner en Deenstvolk, se stöwen alle de Döäre ut: Dat Spook, dat Spook! Joa, dat was verschricklick, en dat slimmste was, den Bär kwamp nu ieder Oawend weär, en de Löö hadd’n gin Röst meär in Hus. Se muß’n dat Hus verhüürn. Men de Hüürlöö blewen d’r ock nich lange wunnen, want se hadden s’nachens gin Röste.

De Borgemester van Amsterdam hadde ock van dat Spook höärt, en he proa’de de met siene Roatsheären ower. Se kreegen’t int Schiere, dat se d’r Soldoaten int Hus leggen woll’n. Dat günk an. Den eärsten Oawend satt d’r nen strammen freeschen Korporoal met seß handfeste Dragoners üm dat Füür in de groote Kamer. Eärst günk’t ant vertellen van eäre Wichter, van Zwantien, Nettje, en Antje – dat Spook hadd’n se hoaste heel vergetten. Doar slöögt twalf Uer, eärst van de Niklaskerk: Bumm, bumm; de Soldoaten wödd’n still. Nu slöög de Oude Kerk, dann de Nieuwe Kerk; joa, twalfmoal. De Soldoaten keeken sick an, aß wull’n se seggen: wat sall d’r nu kommen? De antieke Klocke in de Kamer döäh d’r ock noch tüschen, en se hadde hoast noch nich utsloa’n, doar kwamm d’r weär `n Baultern up de Trappe. Eene van de Jungs wödde al flau en greep sich an sie’n Kameroad. De Döär schööf sick sachte los, doar slöög den tweeden van’n Stohl off.
Men den freeschen Kaperoal was nich mack. He schööf den Bär – de was’t weär – `n Stohl hen en sä: „Goah bi ouns sitten!“ Dat dä den Bär un settde de Fööte up de Planke. Nu nöämp ounse Korperoal de Tange, greep sich doarmet `ne glöinige Kölle en höll se em an de Pooten.„As Du den Düwel bis, moß Du ock Füür verdregen könn’n!“ sä he. Dat pöß dat Spook awer doch nich. Net as’n Mensche de sich brandt heff, tröck den Bär seine Pooten niets trügge. Doar was’t an’n Dag. „De Düwel bisse nich“, sä den Korperoal, „en vöär Spööke bin wi nich bange – Jungs haut to!“ Nu kregen de Sabels Wark, nu günk’t ant Döschen. Den Bär woll noch wall eärst brummen, men sien Brummen wödde gawwe `n Gejammer: „O du leewe Heär. Ick unglückig Bloot, ick bin gin Spook“. – „Men’n versunlik Mäinsche bis Du ock nich“, sä’n de Soldoaten, en’t Döschen günk van nejs weär an. Dat Spook belowde eär `n Fätien Genever, echten Schiedamer, en elke `n Rieksdaler, doar kreeg he eärst Röste. En wel kwamm ut dat Bärenfell utkrupen? Ne aule Jödde ut de Kalwerstroat, de vöär minn Gäild dat Hus koapen wull. Met siene Spökeri wool he eärst dat Hus ut sein Weärt brengen, ümdat d’r dann gin Mäinsche meär in wunnen woll. Wat mien Va is, de heff sick sölws dat Grappien van den Minheer ut Amsterdam vertellen loaten“.
J.-G. Raben

Gerhard Hehenkamp 1851-1910

Gerhard Hehenkamp ist am 27.03.1851 in Neuenhaus geboren. Er war Lehrer in der Meppener Gegend. Für Grafschafter und vor allem Neuenhauser Bürger ist dieser Heimatschriftsteller interessant, weil er ein kleines Buch mit dem Titel „Jugenderinnerungen eines Grafschafters“ verfasst hat, das im 1905 beim Verlag Gebrüder Bernsen in Meppen erschienen ist und im Jahre 1981 auf die Initiative Wilhelm Buddenbergs hin eine unveränderte Neuauflage erlebte.
Hehenkamp bezweckt mit seinem Büchlein, „Grafschaftern in der Fremde und in der Heimat ihre alten Erinnerungen aufzufrischen und so vielleicht in Mußestunden einen kleinen geistigen Genuß zu verschaffen“, wie er in seiner Vorrede schreibt. Diesem Zweck ist das Buch offensichtlich (jedenfalls bei einer bestimmten Generation von Neuenhausern) gerecht geworden, denn Wilhelm Buddenberg bekennt in seinem Vorwort zu der Neuauflage des Jahres 1981, er besitze es seit seiner Kindheit und habe es „unzählige Male gelesen“.

Etwas verwirrend ist allerdings an diesem Büchlein, dass es über keine differenzierte Gliederung verfügt. Es besteht nämlich im Grunde nur aus zwei Kapiteln: Das erste der beiden (Kapitel A, Seiten 5 bis 47) trägt den Titel: „Einiges aus der Geographie und Geschichte des Kreises Grafschaft Bentheim“; das zweite (Kapitel B, Seite 49 bis 141) hat den Titel „Eigentliche Jugenderinnerungen“.
Das Kapitel C (Seite 142 bis 145) enthält nur zwei mehrstrophige Gedichte. Aber auch in die Kapitel A und B sind an verschiedenen Stellen Gedichte eingestreut – und zwar solche, die früher im Volksmund stark verbreitet waren (z.B. die beiden Neuenhauser Wachtlieder und weitere Brauchtumslieder). Die beiden erwähnten Gedichte im Kapitel C sind sicherlich von G. Hehenkamp selber verfasst worden. Es sind Gedichte „mit einer Botschaft“, und sie sind gefühlvoll geschrieben.
Das erste trägt den Titel: „Der Rathausturm zu Meppen und sein Lieb“. Der Rathausturm beschreibt darin, was er alles schon für sein „Lieb“ — d.h. für die Stadt Meppen – getan hat. Dann beklagt er sich darüber, dass sein Dach und weitere Gebäudeteile Schäden aufweisen, und er sagt unter anderem:
Stadtrat, so ernst und einsichtsvoll,
Rührt Dich mein Leiden garnicht wohl?
Bitt schön, gieb mir `nen neuen Hut,
Dann bin ich Dir auch wieder gut.
Auch meine Taille ist defekt,
Die Füße mein stehn nicht mehr fest,
Wenn`s reichen tut im Säckel Dein,
Laß Dir dies auch empfohlen sein.
Das zweite Gedicht trägt den Titel „Des Vögleins Bitte“. Zu Anfang klagt hier ein Singvogel über den kalten Winter und darüber, dass er kein Futter finden kann. Er bittet daher die Menschen, ihm ein paar „Krümchen“ hinzustreuen. Auch bittet er darum, ihm Obdach in der Scheune zu gewähren. Er werde sich dafür revanchieren, indem er schöne Lieder singe und das Ungeziefer vertilge:
Konzertiere nicht nur in Wald und Feld,
Bin gleicher Zeit auch dazu bestellt,
Als Förster und Gärtner zu dienen dir
In der mir vom Schöpfer bestimmten Manier.
Ich säub`re die Pflanzen, die Bäume und Strauch
Von allerlei schädlichen Käfern auch,
Und Fliegen vermindr` ich dem Viehe zum Nutz,
Gewährt hast umsonst mir nicht deinen Schutz.
In seinen übrigen Teilen enthält Hehenkamps Buch viele interessante Details aus der Geschichte der Grafschaft Bentheim und der Stadt Neuenhaus, darunter viel über Alltagsleben und Brauchtum der Neuenhauser.
J.-G. Raben

Heinrich Hensen 1914-1989

Aus einem Nachruf:

Unverwechselbar sind die Erzählungen, die Heinrich Hensen uns hinterlassen hat. Nach langer schwerer Krankheit ist der „urige Plattproater“ am 5. Juli 1989 im Alter von 75 Jahren gestorben. Heinrich Hensen stammte von einem Bauernhof in Osterwald. Mit seiner Mundart-Prosa hat er sich in der Grafschaft Bentheim ein Denkmal gesetzt. Meisterhaft beherrschte der gelernte Pädagoge, bis zu seiner Pensionierung Rektor in Nordhorn, seine Muttersprache. Unzählige Geschichten hat er geschrieben oder erzählt, Geschichten zum Schmunzeln und zum Nachdenken. Gleichsam ein Leben lang hat er sich damit in den Dienst seiner Heimat gestellt

Nach wie vor fühlte sich der Verstorbene eng mit dem bäuerlichen Leben, Denken und Handeln verbunden. Aus der früher recht engen bäuerlichen Welt schöpfte er bis ins reife Alter hinein, gelang es ihm, die Menschen und die sie umgebende Atmosphäre treffend zu schildern. So entstanden seine Buchwerke „Aule Knetsoahm vertäild“ und sein letzter Buchband „Geschichten up Groafschupper Platt“. Aber auch an der GN-Heimatbeilage „Der Grafschafter“ und dem „Jahrbuch“ des Heimatvereins hat Heinrich Hensen tatkräftig mitgewirkt. In den Reihen der Autoren dieser Schriften hinterläßt sein Tod eine schmerzliche Lücke.
Nach seinem Studium war der Pädagoge kurzfristig an der alten Nordhorner Mittelschule, dann in Kalle und in Schüttorf tätig. Acht Jahre war er Soldat und Kriegsgefangener. Nach seiner Entlassung baute er das Schulwesen in Vorwald aus dem Nichts heraus wieder auf. Dort hatte er 119 (!) Kinder in einer Klasse zu unterrichten. Einen nicht geringen Anteil hatten diese Kinder an dem Ausbau des Covordener Dieks, nachdem sie sich gemeinsam mit ihrem Lehrer bei dem früheren Verkehrsminister Dr. Seebohm in Bonn auf humorvolle Weise für dieses Projekt eingesetzt hatten. Bis 1965 war Hensen in Vorwald, dann wurde er Rektor der Evangelischen Blankeschule in Nordhorn.

Im schulischen Leben der Grafschaft hinterließ er viele Spuren. Hauptsächlich nach seiner Pensionierung widmete er sich intensiv der Heimatarbeit. Die Erzähl- und die Vortragskunst dieses Mannes war einmalig. Hensen hat nicht nur fleißig geschrieben, sondern auch mehrere Tonbänder besprochen, um auch sehschwachen Menschen Zugang zu seinen Werken zu verschaffen.
Mit Heinrich Hensen ist ein Zeitzeuge heimgegangen, der kritisch und verständnisvoll zugleich seine Mitmenschen und seine Umwelt betrachtete. Er war ein ernster Mensch, der im privaten und familiären Bereich viele schwere Schicksalsschläge hinnehmen musste, darob dank seines unerschütterlichen christlichen Glaubens jedoch nie verzweifelte. Immer wieder überraschte er mit seinem tiefgründigen, feinen Humor. Der Verstorbene hinterlässt der Grafschaft Bentheim ein reiches und kostbares Erbe.

Nachruf von unbekannter Hand
Siehe auch: Nachruf von Willy Friedrich GN 07.07.1989, S. 7:
In Memoriam: Heinrich Hensen – Meister der plattdeutschen Prosa

Pröatkes up Nijioahrsvisiten
Bakkers Hinnerk heff sien’n Mähdrescher ok noch nich betaalt. Unse Jungs vertäilden dat. Joa, men dat sind ja ok sökke düre Dinger. `n paar Dage wödt se bruukt, en dann stoaht se’t heele Joahr. Dee liedt mehr van’t Stoahn as van’t Lopen. Sienen Öllsten, denn is ja nu soa üm de twintig, de hadde ko’nns sien Vaa is anschötten, dat he nu verdan ok wal is moal soa’n Auto hebbn woll, nett as de annern Jungs ok. Et bruukde ja nick nijt te wään. „Och“, hadde Hinnerk seggt, „ik weet’t wall, Junge. Du hess düftig warkt, van’t Summer. – Men soa lange as den Mähdrescher nicht betaalt is, möss du mi doar nich van proaten.“ Du hadde den tweeden, den is sessteen, is versichtig froagt, of d’r dann föar em nich `ne Brummfietse ansatt. Men – he hadde desölwde Antwoart kregen.
Dann hebt se noch soa nen Kläinen, den geht noch noa de Schoole. De probeerde et ok is: „Papa, en wo is dat met ne nije Fietse föar mi? Den mienn, dat is doch niks mehr!“ „Ik weet’t wal, mien’n Jungen“, hadde Hinnerk seggt. „Men soa lange as den Mähdrescher nich betaalt is, möss du noch wochten.“ De Junge, de hadde dat ja gar nich passt.
En du he later oawer den Hoff geht, du sitt doar nett den Hahn up ne Henne. – He giff den Hahn nen Trapp ien’n Ärs, dat he wegflög en segg: „En soa lange as den Mähdrescher nich betaalt is, gehs du gefälligst ok te Foote!“

Heinrich Hensen, Aule Knetsååm vertäild, Nordhorn 1976, 112 Seiten
Heinrich Hensen, Geschichten up Groafschupper Platt, Bad Bentheim 1988, 136 S.
Ut de Pütte. Groafschupper Platt föar groot en kläin, Nordhorn 1994, S. 58 – 65.

Georg Kip 1889-1965

Georg Kip wurde am 18. Juni 1889 in Neuenhaus geboren. Dort besuchte er die Volksschule; anschließend war er Schüler des Ratsgymnasiums in Osnabrück. In Bremen wurde er Exportkaufmannslehrling mit dem Ziel, später in Südamerika tätig sein zu können.
Im Alter von 19 Jahren trat er auf Wunsch des Vaters Heinrich Kip in den väterlichen Zeitungs- und Druckereibetrieb in Neuenhaus ein, dem er dann verhaftet blieb. Er widmete sich mit allen Kräften dem Zeitungswesen. In den 1920er Jahren wurde er Vorsitzender des Bezirksvereins Osnabrück der Deutschen Zeitungsverleger; dieses Amt bekleidete er bis zum Ende des letzten Krieges. Als Beiratsmitglied im Vorstand des Reichsverbandes Deutscher Presse hat er mit Erfolg um die Selbständigkeit aller heimatlich eingestellten Verlage gekämpft.

Nach dem letzten Kriege entwickelte Georg Kip in einer Zeit großer Not unseres Volkes und seiner Grafschafter Heimat eine ungeheure Schaffenskraft, die zunächst dem Wiederaufbau seines Zeitungsverlages gewidmet war. Durch Verschmelzung der Zeitungen »Zeitung und Anzeigeblatt«, »Nordhorner Nachrichten« und »Bentheimer Zeitung« entstand unter seiner Leitung die neue Tageszeitung »Graf­schafter Nachrichten«, deren Hauptschriftleiter er bis zu seinem Tode gewesen ist.

Als der frühere, nah und fern hochgeachtete Vorsitzende des Heimatvereins, Rektor Heinrich Specht, gestorben war, trat Georg Kip die Nachfolge an. Er zeigte in diesem Amt unerschöpfliche Arbeitskraft, sprudelnde Energie, bewundernswerten Wagemut und einen sicheren Blick für das Mögliche, die zusammen seiner Arbeit großen Erfolg sicherten. Er verstand es, Mitarbeiter zu finden und an der richtigen Stelle einzusetzen. Sein nie erlahmender Optimismus gab Versammlungen und Arbeitstagungen die stimulierende Atmosphäre. Unter seiner Leitung festigte der Heimatverein in der Grafschaft und, wie immer wieder zu hören ist, im Lande Niedersachsen den Ruf einer vorbildlichen und erfolgreichen Institution der Heimatpflege und der Heimatforschung.

Seit 1953 zeichnete Georg Kip verantwortlich für die Gestaltung des Jahrbuches, das sich in den folgenden Jahren einen anerkannt hervorragenden Platz in der Heimatliteratur Niedersachsens erworben hat. Es ist erstaunlich, wieviele Gesellschaften, Vereine und Institute jährlich das Jahrbuch anfordern und damit in einen Schriftenaustausch mit dem Heimatverein treten. Das ist zweifellos auf Georg Kips weitreichendes Wirken zurückzuführen. Er selbst hat seither eine große Anzahl heimatkundlicher, insbesondere volkskundlicher Arbeiten in den Jahrbüchern veröffentlicht. Einige seiner Aufsätze haben weit über unsern Kreis hinaus bei Volkskundlern wissenschaftliches Interesse gefunden. Seinen alten Wunsch, die Geschichte der Wiedertäuferbewegung zu ergründen, konnte er noch in den beiden letzten Jahren verwirklichen.

Ein besonderes Organ für heimatkundliches Schrifttum hat der Verstorbene in dem Monatsblatt »Der Grafschafter« geschaffen. Ursprünglich als Schrift des Heimat­vereins gedacht, wurde »Der Grafschafter« bald eine Beilage der »Grafschafter Nachrichten«. Der Heimatverein erwarb jeweils am Jahresende für seine Mitglieder eine Sonderauflage der zwölf Monatsausgaben und ermöglichte dadurch den Liebhabern heimatkundlicher Schriften die Anlage einer wertvollen Sammlung. Der Höhepunkt des Schaffens im Heimatverein war für den Verschiedenen die Herausgabe des Bildbandes »Die schöne Grafschaft«. Mit großem Elan und nie ermüdendem Eifer war er mehrere Jahre um die Gestaltung dieses Werkes bemüht. Die Heimatarbeit Georg Kips fand schon früh weit und breit Anerkennung. Die ehrenvolle Berufung in den Beirat des Niedersächsischen Heimatbundes ermöglichte es ihm, auch von dieser bedeutenden Stelle aus für den Heimatgedanken und für die eigene Heimat zu wirken. Sichtbar wurde die Anerkennung seines Wirkens am 23. Januar 1963 durch die Verleihung des Verdienstkreuzes 1. Klasse des Niedersächsischen Verdienstordens. Georg Kip war im Regierungsbezirk Osnabrück der erste, der diese Auszeichnung »in Anerkennung von Verdiensten um das Land Niedersachsen« außerhalb des politischen Lebens erworben hatte.

Der Heimatverein wird das Andenken Georg Kips in hohen Ehren halten und ihn immer als einen hervorragenden Sohn der Grafschaft Bentheim achten, der sich um unsere Heimat sehr verdient gemacht hat.

Hermann Heddendorp,
in Bentheimer Jahrbuch 1966, S. 7 – 9

Eine Würdigung Georg Kips durch Dr. Hermann Heddendorp findet sich im Bentheimer Jahrbuch 1966, S. 7 f. Siehe auch einen Nachruf zum Tode Georg Kips in den Grafschafter Nachrichten vom 10. März 1965.

Eine achtseitige Biographie Georg Kips hat Dr. Helmut Lensing für den Band 11 (2004, S. 261 ff.) der Reihe „Emsländische Geschichte“ verfasst. Die der Biographie angefügte Auflistung der Veröffentlichungen von und über Georg Kip umfasst sieben Seiten, woraus sich der große schriftstellerische Fleiß Georg Kips und seine Bedeutung für die Grafschafter Geschichtsforschung, aber auch seine Bedeutung als Verleger, ermessen lassen.

J.-G. Raben

Jan Harm Kip 1911-2012

Jan Harm Kip entstammt einer Bimolter Heuerlingsfamilie. Sein Geburtshaus steht noch (heutige Pachtstelle des Hofes Stevens, die jedoch nicht mehr bewohnt ist). Die Familie Kip bewirtschaftete später eine Siedlerstelle im Bookholter Feld (heute Kip-Snieders). Jan Harm Kips Mutter war eine geborene Völlink. (Der ehemalige Hof Völlink ist heute im Besitz der Familie Rademaker-Spekkers.) Fünf Vorfahren mütterlicherseits wanderten nach Amerika aus

Als 1925 in Nordhorn die Aufbauschule gegründet wurde, das spätere Gymnasium, da war Kip buchstäblich die Nummer Eins. Als erster stand er auf der Anmeldeliste. Denn als er von der Möglichkeit erfuhr, hielt es ihn nicht länger in Bimolten, und er meldete sich selbst, noch nicht 14-jährig, dort an.

Seine Eltern verhinderten den Schritt nicht. Als sie merkten, wie groß sein Wille war, sparten sie sich das Schulgeld vom Munde ab. Eine höhere Schule war damals in der Grafschaft nicht nur etwas Neues, sondern auch Fremdes. Die heranwachsende Jugend war bislang Mitarbeiter im Elternhaus oder Mitverdiener im Handwerk, der Textilindustrie und in der Landwirtschaft. „Leären maggse wall; men wenn du sitten bliffs, dann kumms du weär an de Messgrepe.“ Das war die Alternative, vor die sein Vater ihn stellte. (zitiert aus: „Jan Harm Kip zum 90. Geburtstag“ in Der Grafschafter, 2001, S. 31)
Der Unterricht in der Aufbauschule begann 1925 mit nur 16 Schülern, zehn Jungen und sechs Mädchen. Bei den heutigen Verhältnissen kaum vorstellbar. Beim Abitur 1931 bestand die Zahl der Abiturienten aus 12 Schülern, elf Jungen und einem Mädchen. In den sechs Schuljahren hatte sich die Zahl der Schüler durch Ab- und Zugänge ziemlich konstant gehalten. Von den 16 Anfängern hatten vier durchgestanden. Nach dem Abitur studierte Jan Harm Kip Pädagogik in Hannover und Dortmund. Beim Antritt seines Studiums brachte sein Vater ihn mit Pferd und Wagen zum Nordhorner Bahnhof. Zu den Mitschülern Eberhard Liese und Harm Wolts sagte der Vater beim Abschied auf dem Bahnhof: „Passt mi guud up up dee Junge!“

Kip war nach der Abschlußprüfung zuerst Lehrer in Vorwald, Uelsen und Georgsdorf, dann nach fast sechs Jahren Kriegseinsatz in Alte Piccardie und Bentheim. Es folgten anderthalb Jahrzehnte als Rektor der Mittelschule in Neuenhaus. Zuletzt war er Schulrat für Nordhorn und die Obergrafschaft. Mit 15 Jahren in der Schulleitung war er der Rektor, der am längsten die Schule leitete.
Ein großes Ereignis war die Bildung des Mittelschulzweckverbandes Niedergrafschaft. Die Bürgermeister waren zunächst zögernd. Sie wussten, was finanziell auf die Gemeinden zukam. Ein Neubau musste verwirklicht werden. Aber dann siegte die Einsicht, dass Bildung nicht umsonst zu haben ist. Sogar der Bürgermeister von Bimolten, dem Geburtsort von Jan Harm Kip, schloß sich dem Verband an, obwohl die Gemeinde zum Kirchspiel Nordhorn gehörte. An der Mittelschule Neuenhaus gab es ein einmütiges und zielstrebiges Kollegium. Die Schüler mit der Mittleren Reife fanden überall eine Arbeitsstelle oder sie gingen weiter auf das Gymnasium. Die Schule hatte außerdem einen guten sozialen Blick. Es wurden immer wieder Schüler aufgenommen, die die Volksschule beendet hatten oder die am Gymnasium Nordhorn den Anschluß verloren hatten. Einer von ihnen wurde Mittelschullehrer, einer wurde Pastor, eine Schülerin wurde Lehrerin am Gymnasium, einer promovierte sogar zum Doktor der Philosophie.

1997 konnte Jan Harm Kip bei der Vorstellung der Chronik „350 Jahre Alte Piccardie“ eine Festrede wiederholen, die er fünfzig Jahre zuvor bereits einmal gehalten hatte zum dreihundertjährigen Bestehen der Gemeinde. 1947 ging es um die Entstehungsgeschichte und 1997 um die Entwicklungsgeschichte in den einzelnen Generationen bis in die Gegenwart.
1958 war Jan Harm Kip der erste reformierte Laienprediger der Grafschaft und hielt am 8. Oktober 1959 anlässlich des Niedersachsentages in der Alten Kirche am Markt in Nordhorn seine erste Predigt in plattdeutscher Sprache (über die Berufung des Matthäus). Die Alte Kirche war von Zuhörern überfüllt; einige hatten nur einen Stehplatz im Turmeingang. Bis ins hohe Alter hinein hat Kip – neben hochdeutschen — noch weitere Predigten in Plattdeutsch gehalten, manche davon in ökumenischen Gottesdiensten beiderseits der Grenze, in Verbindung mit dem „Groafschupper Plattproaterkrink“.

Jan Harm Kip war lange Jahre Mitglied im Kirchenrat der reformierten Gemeinde Neuenhaus. Er schrieb die Andachten für den Gemeindebrief vom September 1980 bis Dezember 2006; das waren in reichlich 25 Jahren 102 biblische Betrachtungen über den jeweiligen Monatsspruch. Sie alle atmen den Geist, den Calvin so beschrieben hat: „Vor Gott bleibt uns kein anderer Ruhm als allein sein Erbarmen.“ Ab und zu hielt er Vorträge, z.B. vor Landwirtschaftsschülern, wobei er von seinem christlichen Menschenbild her vor einer konsumistischen und materialistischen Lebenseinstellung warnte.
So berichtet Willy Friedrich in den Grafschafter Nachrichten vom 3. März 1960 über einen kulturkritischen Vortrag Jan Harm Kips vor der Landjugend des Bezirks Uelsen. (Titel des Artikels: „Vaterhaus und Heimat – Urgrund des Seins“) Friedrich beschreibt die Aussage von Kips Vortrag unter anderem wie folgt: Die alte Ordnung zerbröckelt. Das Vorbild, unerlässlich für die Charakterbildung, fehlt. Die allgemeine Nivellierung nimmt erschreckende Formen an. Wenn die Atombombe fällt, vollzieht sich nur die Verwüstung, die sich in unseren Herzen bereits vollzogen hat. […] Angesichts dieser harten Tatsachen sei die Jugend, insbesondere auch die Landjugend, gerufen, kritisch und verantwortungsbewusst positive Kräfte zu mobilisieren und festzuhalten an guten Überlieferungen! […] Höchste Zeit zur Umkehr! Für jeden einzelnen! Der Mensch müsse wieder fest Fuß fassen, sich und seine geistige bzw. kulturelle Umwelt nicht zum Gegenstand herabwürdigen lassen. Er könne trotzdem „Ja“ zur modernen Technik sagen. Die Technik dürfe jedoch niemals das Einzige und Letzte sein! Der Mensch brauche nämlich mehr! Er müsse in den Urgrund seines Seins zurückfinden.

Siehe auch:  https://www.grafschafter-schulgeschichte.de/kip

Veröffentlichungen von Jan Harm Kip:
(a) Vom Wesen, Reichtum und von der Kraft unserer Heimatsprache. Bentheimer Jahrbuch, 1958, S. 140.
(b) De bäiden Schäpers. Bentheimer Jahrbuch, 1958, S. 151.
(c) Stads Ordonnantien. Stadtverordnungen der Stadt Neuenhaus 1601-1762. Der Grafschafter, 1996.(Mitautor: Eckhard Woide)
(d) Gedaanken toon stillen Frijdag. Der Grafschafter, 2000, Seite 14.
(e) Zu dem Band „Ut de Pütte“ (Hg.: Wilhelm Horstmeyer, 1994) hat er vier humorvolle plattdeutsche Erzählungen beigesteuert.
(f) Bei der Erstellung des Buches „Bimolten. Chronik einer Landgemeinde“ (Herausgeber: Jan Brookman und Harm Boerwinkel, 1994) war Jan Harm Kip Schriftleiter.
(g) Im „Grafschafter“ 2001 (S. 30) berichtet er unter dem Titel „Über mich selbst“ aus seiner Jugendzeit.
(h) Im Jahre 1975 hielt er sechs Vorträge vor dem CVJM Veldhausen. Das Thema lautete: „Religion und Naturwissenschaft“ In der Zusammenfassung der geheftet vorliegenden Vorträge heißt es: „Die Antwort gibt die österliche Gemeinde, die an eine Vollendung glaubt. Sie bekennt: Du wirst dein herrlich Werk vollenden, der du der Welten Heil und Richter bist.“
(i) In dem Buch „Wat, de kann Platt? Emsländer und Grafschafter über ihre Mundart“ (herausgegeben von Theo Mönch-Tegeder und Bernd Robben, 1998) schreibt er in seinem Beitrag „Niederländisch und Niederdeutsch“:
In die plattdeutsche Sprache muß man hineinwachsen. Sie schließt dann den Zugang zu den Dingen und Tatbeständen auf. Hineinwachsen kann man nur mit Liebe. Man muß die Sprache sprechen und lesen; dann wird man sie lieben. Plattdeutsch ist kein Dialekt, sondern eine Muttersprache! Sie lehrt uns auch das einfache Denken, und das einfache Denken ist oft eine wertvolle Gabe Gottes. Vom Wort zum Sinn zu gehen heißt bewahren und weitergeben.“
J.-G. Raben

 

Anton Knoop 1901-1970

 

Der aus Neuenhaus stammende Anton Knoop machte im Verlauf seines Lebens eine bemerkenswerte Karriere als Mensch und Theologe. Zwischenzeitlich übte er rund zwanzig Jahre lang den Brotberuf eines reisenden Kaufmanns aus; er gelangte also erst nach einer langen „Durststrecke“ zu seinem Berufsziel.

Ein Autor mit dem Kürzel „LE“ (vermutlich Dr. Ludwig Edel) beschreibt Pastor Knoops Leben folgendermaßen

(GJB: Grafschafter Nachrichten 1. Mai 1968, Foto dort.):

 

Anton Knoop wurde am 15. August 1901 in Neuenhaus geboren, wo er die Grund- und Mittelschule besuchte. Unvergeßlich sind für ihn seine Lehrer Jakobus Koops und Hermann Wieferink. In der Neuenhauser Kirche trieb er schon mit zwölf Jahren stellvertretend für den alten Küster Wilhelm Meyer die drei schweren Balken der aus dem Jahre 1800 stammenden Orgel an. Im Volksmund erhielt er bald den Namen „De geestelijke Windmaker“. Mit 13 Jahren half er die Glocken läuten und assistierte im Kindergottesdienst.
Schon früh stand ihm sein Berufsziel vor Augen: Er wollte Theologie studieren. Aber der Erste Weltkrieg, das Fehlen weiterführender Schulen und der schwere Existenzkampf der Eltern, die ihre acht Kinder ernähren mußten, versperrten diesen Weg zunächst.
Anton Knoop wurde im kaufmännischen Beruf ausgebildet, war von 1924 bis 1945 reisender Kaufmann, sein Lebensziel vergaß er jedoch nie. Die lateinische Vulgata und das Neue Testament in griechischer Sprache waren seine ständigen Begleiter. Früh um fünf Uhr begann er seine Studien und nahm um acht Uhr seinen „Brückenberuf“ auf. Er war ein gerngesehener Gast in evangelischen und katholischen Pfarrhäusern und war mit Theologen wie Pastor Peter Schumacher (Uelsen), dem Alttestamentler Siegmund E. Bode, den Osnabrücker Pastoren Itis und Engels wie auch mit dem späteren Professor in Philadelphia (USA) Lic. Paul Leo eng befreundet. Nach einem erfolgreichen Colloquium mit Professor Ehrenberg wurde ihm der Weg als Gasthörer der Universität und der Missionsseminare Oegstgeest und Basel geöffnet.
Die Kirchenleitung der evangelischen Kirche von Westfalen berief A. Knoop nach dem Zweiten Weltkrieg in Ihren Dienst. In sieben Diasporagemeinden sammelte er die evangelischen Vertriebenen. Die Ordination erfolgte im Februar 1952. Der Gemeindebezirk Ibbenbüren-Dickenberg (Schafberg) mit der 1952/54 erbauten Kirche wurde ihm anvertraut. Schweren Herzens nahm er von hier im April 1954 Abschied, um die Kirchengemeinde Wersen-Büren aufzubauen.
Die Amtsjahre Pastor Knoops waren so bewegt und vielseitig wie sein ganzes Leben. Gern erinnert er sich an den Dienst im Hochmoor während des Krieges, wo er in Schöninghsdorf deutsche und holländische Gottesdienste abhielt, an seine Gespräche mit dem letzten deutschen Kaiser und an ökumenische Gespräche im Jahre 1951 mit der damals regierenden Königin Wilhelmina der Niederlande in Apeldoorn zusammen mit seinem Freund Professor Berghof und Dozent D. Graaflond. Bis heute wird Pastor Knoop von seinen holländischen Freunden, bei denen er während des Krieges zwei Jahre weilte, zu Gottesdiensten eingeladen, die er in holländischer Sprache hält.
Seine Korrespondenzen reichen nach Indonesien und ins Innere Afrika; in seinem Gästebuch zeichneten sich internationale Gäste mit arabischen und japanischen Schriftzeichen ein. Während seiner Amtszeit in Büren predigte er in vielen Kirchen des Osnabrücker und Tecklenburger Landes und unterrichtete in Osnabrücker Berufs- und Handelsschulen
.“ (Grafschafter Nachrichten, 1. Mai 1968)

Offensichtlich war Anton Knoop ein Genie im Knüpfen von Kontakten und in der Freundschaftspflege. Zu den vielen Menschen, mit denen er freundschaftlich verbunden war, gehörte auch der Veldhausener Heimatdichter Carl van der Linde. Pastor Knoop hat dies u.a. in einer Predigt erwähnt, die er etwa im Jahre 1967 in der Alten Kirche am Markt in Nordhorn hielt, wie ein noch lebender Zeitzeuge berichtet.
Da er sich in der Zeit des Zweiten Weltkriegs in einer für ihn lebensgefährlichen Unerschrockenheit um holländische Zwangsarbeiter in Deutschland kümmerte (1), darf man ihn als Widerstandskämpfer bezeichnen. Wie andere Widerstandskämpfer hätte er es verdient, dass nach ihm in Neuenhaus eine Straße benannt worden wäre.… Er liebte die Niederlande sprach perfekt die Sprache des Landes.
Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges setzte Pastor Knoop sich intensiv für eine Versöhnung zwischen Deutschen und Holländern ein, was von Fritz Brickwedde in einem Beitrag im Bentheimer Jahrbuch (1980, S. 171) ausführlich beschrieben und gewürdigt wird. Brickwedde spricht von einem „unermüdlichen Einsatz“ Pastor Knoops „für Wahrheit, Gerechtigkeit und Frieden“. Ein Höhepunkt in diesen Bemühungen und in seinem Leben war es, als ihm nach einer Predigt, die er vor viereinhalbtausend Menschen in der Großen Kirche von Den Haag gehalten hatte, die niederländische Königin Wilhelmina bewegt die Hand drückte. Der geborene Neuenhauser Georg Brünink (seine Mutter war eine Cousine Knoops) berichtet, dass die Königin Anton Knoop bei dieser Gelegenheit einen wertvollen Fotoapparat schenkte.

Als Brünink (2) im Kriege als Soldat in Holland stationiert war, leitete er Briefe von holländischen Zwangsarbeitern aus der Osnabrücker Gegend weiter, die Pastor Knoop ihm übergeben hatte. Bei Sendung durch die offizielle Post wären diese Briefe zensiert worden. Anton Knoop muß zu den „großen Söhnen“ der Stadt Neuenhaus gerechnet werden. Gegenüber seinem seelsorgerischen und friedensstiftenden Einsatz als Mensch und Theologe tritt das, was er an heimatschriftstellerischen Beiträgen geliefert hat, stark in den Hintergrund. Es sind hier nur einige wenige zumeist kürzere Artikel zu nennen, die inhaltlich bemerkenswert und wertvoll sind:

(A.) Unsere Stadt Neuenhaus. Der Grafschafter, Oktober 1961. Ebenfalls abgedruckt in Heinrich Eberhardts „Chronik der Schulen von Neuenhaus“, S. 206 f. In Dialogform geschrieben. Knoop tritt hier als plattdeutsch sprechende Person „A“ auf, die sich mit einer hochdeutsch sprechenden Person „B“ unterhält. Es geht um Heimatpflege und die alten Zeiten. Der Ton ist nostalgisch. Eine Erinnerung an Carl van der Linde wird erwähnt. — Knoop hat diesen Beitrag unter dem Pseudonym „A. van de Dinkel“ veröffentlicht.
(B.) Ein fröhliches Wiederseh`n nach 53 Jahren. Marie Prenzler 1907/08 Lehrerin in Neuenhaus. (Um 1961 erschienen in den Grafschafter Nachrichten; nachgedruckt in Heinrich Eberhardt, Chronik der Schulen von Neuenhaus, 1994, S. 49 f. Knoop hat bei diesem Artikel wieder das Pseudonym „A. van de Dinkel“ verwendet. Er hatte seine ehemalige Lehrerin durch Zufall in Melle wiedergetroffen, als er in der dortigen lutherischen Kirche einen Gottesdienst hielt. Der Artikel beschreibt, wie er mit Frau Prenzler Erinnerungen an seine Neuenhauser Schulzeit austauscht. Mehrere damals gesungene Lieder werden erwähnt. — Knoops Kontaktfreudigkeit und Liebe zur Heimat kommen hier zum Ausdruck.)
(C.) Reformierte Kirche Neuenhaus 280 Jahre alt.
Der Grafschafter, Dezember 1961. (Darin einiges über den Pastor Hugenholtz)
(D.) Altjahrsabend in Neuenhaus und Lage. Der Grafschafter, Dezember 1968. (Ein meditativer Beitrag. Knoop berichtet darin auch von einem Gespräch, das er einst mit dem Heimatdichter Carl van der Linde auf einem Spaziergang zwischen Neuenhaus und Lage führte.)
(E.) Das Evangelium in plattdeutscher Sprache. Der Grafschafter, 1969, S. 598. (Bericht von einer Tagung von Pastoren aus dem gesamten niederdeutschen Gebiet)
(F.) Am Grabe der Schwester Hanna Staehle. Der Grafschafter, 1969, S. 622. (Hanna Staehle, 1879-1940, stammte aus Neuenhaus. Sie arbeitete als Rotkreuzschwester und liegt auf dem Parkfriedhof in Berlin-Lichterfelde begraben. Bei dem von Knoop erwähnten „Hauptmann Staehle“ handelt es sich um den späteren Oberst und Widerstandskämpfer Wilhelm Staehle.)

Literatur:
(a) LE (= Dr. Ludwig Edel). Ein Leben im Dienst der Kirche. Pastor Anton Knoop tritt in den Ruhestand. Grafschafter Nachrichten, 1. Mai 1968.
(b) Brickwedde, Fritz. Der Kaiser duzte, die Gestapo haßte ihn. Pastor Anton Knoop aus Neuenhaus zur zehnjährigen Wiederkehr seines Todestages am 13. November 1980. Bentheimer Jahrbuch, 1980, S. 171 f
Anmerkungen:
(1) Er sorgte z.B. dafür, dass verstorbene Zwangarbeiter ein ordentliches Begräbnis erhielten, und hielt selber den Trauergottesdienst – auch wenn dies den Nationalsozialisten ein Dorn im Auge war.
(2) Georg Brünink, jetzt 85 Jahre alt, war später lange Jahre Betriebsratsvorsitzender bei der Firma NINO in Nordhorn. Seine Mutter hatte nach der „Reichskristallnacht“ (vom 9. auf den 10. November 1938) heftig gegen die Zerstörung der Neuenhauser Synagoge protestiert. (Sie gab dabei dem Neuenhauser NSDAP-Ortsgruppenleiter das ihr verliehene „Mutterkreuz“ zurück.) Es ist nur bestimmten Zufällen zu verdanken, dass sie diesen Protest nicht mit einer Einweisung ins Konzentrationslager und „Liquidierung“ bezahlen musste.
https://www.reformiert-osnabrueck.de/2016/07/24/gestatten-mein-name-ist-frieden-predigt-5-sommerkirche/
J.-G.Raben, G.J.Beuker

 

Heinrich Kuiper 1937-2019

Ich bin ein sensibler Mensch mit einem kritischen Geist,
ein Andersdenkender, ein Nonkonformist, und das ist nichts Schlimmes.

                                            Heinrich Kuiper über sich selbst in: Niks blif, wu ’t is, Heinrich Kuiper, 2020, 202

 

Heinrich Kuiper wurde am 27.05.1937 in Grasdorf geboren. Er war ein Einzelkind und lebte immer an seinem Geburtsort. Er ist am 27.12.2019 in Nordhorn verstorben. Christa Pfeifer nennt ihn „Bauer – Dichter – Philosoph des einfachen Lebens“ (Niks blif, wu ’t is, 2020, 203).

Buchtitel mit Handschrift im Hintergrund

Mit den praktischen Dingen des Lebens kam Kuiper weniger gut zurecht. Bis er mit seiner neuen Melkmaschine umgehen konnte, brauchte er manche nachbarliche Hilfe. In der Krankheits- und Sterbenszeit seiner Mutter versorgten die Nachbarn Ende der neunziger Jahre beide mit Essen. Als 2011 sein Haus abbrannte entstand ein kleiner Bungalow auf dem Grundstück. Die Zuwegung wurde nicht gepflastert. Das war nicht nötig! Auch das neue Haus war spartanisch eingerichtet. Einen Fernseher wollte Kuiper nicht im Hause haben. Über seinem Sofa hingen groß gedruckt einige seiner eigenen Texte, wie zum Beispiel das Gedicht „Mensch, besinn dich mal“ (Niks blif, wu’t is. 2020, 16). Einige wenige Bücher nannte er sein Eigen.

Heinrich Kuiper war ein bekannter Niedergrafschafter Heimatdichter, der sich um die plattdeutsche Sprache verdient gemacht hat. Rund 50 Jahre lang veröffentlichte er seine Texte vor allem in den Jahrbüchern vom Heimatverein Grafschaft Bentheim und in der Zeitungsbeilage „Der Grafschafter“ (DG). In vielen Kreisen und Gruppen rezitierte er seine fast ausschließlich plattdeutschen Texte mit Pathos und kräftiger Stimme in der ihm eigenen Art. Ein Auto hat er nie besessen. Er brachte viele seiner Texte von Grasdorf aus mit dem Fahrrad zum langjährigen Vorsitzenden des Heimatvereins Dr. Heinrich Voort in Gildehaus. So sah er etwas von der Welt und konnte Umschlag und Porto sparen!

In manchen Bereichen war Heinrich Kuiper mit einem fast fotografischen Gedächtnis gesegnet. Er kannte (fast) jeden und wusste, wer mit wem wie verwandt war. Darin war eine Art lebendes Lexikon. An sich selbst dachte und für sich selbst sorgte er kaum. Er war mit so wenigem zufrieden, dass man fürchten musste, er vernachlässige sich selbst! Bis zuletzt besuchte er jeden Mittwochmorgen die Heimatfreunde Neuenhaus an der Lager Straße. Er schreibt über sich selbst:

Ja, die Lyrik ist meine Welt! Ich liebe die Poesie und den Klang der Verse. An langen Sommertagen hackte ich Runkel- und Steckrüben, kroch auch durch die Reihen und vereinzelte die jungen Pflänzchen. Dabei ließ es sich gut dichten. Auf Rübenäckern und auf dem Traktor entstand manches wohlklingende Gedicht. (Niks blif, wu ’t is. 2020, 208)

Insgesamt hat Kuiper rund 230 Texte verfasst. Davon ist fast ein Viertel bis heute unveröffentlicht. Zu Kuipers 83. Geburtstag am 27. Mai 2020 hat der Heimatverein Grafschaft Bentheim etwa ein Drittel veröffentlicht in dem Buch „Niks blif, wu ’t is. Heinrich Kuiper. Gedichte, Texte und ein Lebensbild“. Kuiper hat die Auswahl und Bearbeitung dieser Texte noch weithin mitgestaltet und verfolgt. Er äußerte schon mehrere Jahre die Befürchtung, sein Buch könne wie bei den von ihm sehr geschätzten Heimatdichtern Karl Sauvagerd und Carl van der Linde wohl auch erst nach seinem Tode erscheinen. Seine Vorahnung hat sich leider bewahrheitet.

Friedel Roolfs würdigt in dem genannten Buch die Arbeit Kuipers folgendermaßen:
Im Hinblick auf die Gedichte Heinrich Kuipers bleibt festzuhalten, dass sie sich in die Tradition der Heimatdichtung einschreiben, die ein dörfliches, gerade noch kleinstädtisches Gefüge als wünschenswerte Lebenswelt darstellen. Sein Ideal sind Natur und Einfachheit, Mitmenschlichkeit und Menschenfreundlichkeit. Die Personen, denen ein Missgeschick passiert oder die kleine Charakterschwächen haben, werden trotz ihrer Fehler als liebenswerte Geschöpfe gezeichnet. Egoisten hingegen, die nur den eigenen Vorteil sehen, werden bestraft, wenn nicht in dieser Welt, so – nach Kuiper – in der folgenden…
Bei Kuiper kommt hinzu, dass er einen Schatz an alten, antiquierten Wörtern in seinem Gedächtnis beherbergt, den er mit seinen Gedichten aktualisiert und gewissermaßen wieder neu in die Sprachgemeinschaft einbringt. 
(Niks blif, wu’t is 2020, 227 – 229)

Die seit Mitte März 2020 grassierende Corona-Pandemie verhinderte noch einige Monate lang die Vorstellung des fertigen Buches, die erst Ende August 2020 erfolgen konnte. Was Heinrich Kuiper wohl dazu gesagt hätte? Vielleicht „Niks blif, wu ’t is“.

Gerrit Jan Beuker, in:
 Grasdorf ist überall, 2022, S. 166f



Karl Lilienthal 1890-1956

Lilienthal etwa 1914

Der Padagoge und Schriftsteller Karl Lilienthal, der von 1916 bis 1918 Lehrer in Osterwald war, wäre am 23.12.1990 hundert Jahre alt geworden.Aus Anlaß dieses Jubilaums möchte ich, wenn auch mit etwas Verspätung, an diesen interessanten und bedeutenden Menschen erinnern, indem ich seine Herkunft und seinen Lebensweg beschreibe sowie seine literarischen Werke nenne und zum Teil inhaltlich zusammen zusammenfasse und zwar vor allem seine in Grafschafter Zeitschriften erschienenen Beitrage, die uns natürlich besonders interessieren und die außerdem den Vorteil haben, daß sie relativ leicht zugänglich sind.

Vielleicht kann dieser Aufsatz Heimatfreunde anregen, Lilienthal zu lesen, gegebenenfalls sich wieder neu und noch eingehender als bisher mit ihm zu befassen. In seinen Werken wird das Leben unserer Vorfahren fesselnd dargestellt.

Herkunft
Karl Lilienthal stammt aus einer weitverzweigten Osterholz-Scharmbecker Familie. Einer seiner beiden Großväter, Johann Lilienthal mit dem Beinamen »Jan Kaptein«, führte ein bewegtes Leben, zuerst als Torfschiffer, später als Gastwirt. Nebenher betrieb er, wie viele Menschen damals, die Landwirtschaft. Er war in der ganzen Bremer Gegend als gewiefter Geschäftsmann, wagemutiger Schiffsführer und starker Zecher bekannt. Fünf seiner sechs Söhne schickte er nach Amerika, damit sie nicht in der preußischen Armee dienen mußten. Später besuchte er sie dort unter abenteurlichen Umständen. Jan Kapteins sechster Sohn Martin, Karl Lilienthals Vater, war von Beruf Lokführer und las viel. Er ließ – wobei jedoch seine Frau die treibende Kraft war — drei seiner vier Söhne studieren, was für einen Durchschnittsverdiener wie ihn schwer war. Aus beruflichen Gründen war er nach Osnabrück gezogen, nach seiner Pensionierung kehrte er wieder in sein Elternhaus in Osterholz-Scharmbeck zuriick.

Lebenslauf, Ehrungen
Karl Lilienthal wuchs in Osnabrück auf, hielt sich jedoch an Wochenenden und in den Ferien häufig bei seinen Grofeltern in Osterholz-Scharmbeck auf, so daß ihm die Landschaft an der Hamme von Kind auf vertraut war. Nach dem Besuch des Pädagogischen Seminars in Osnabrück war er Lehrer in Ohrtermersch bei Fürstenau, danach in Osterwald in der Grafschaft Bentheim, dann vierundzwanzig Jahre lang in dem Dorf Heidberg, das zwischen Bremen und Wortswede liegt. Er hatte diesen Ort gewählt, weil er dort der Heimat seiner Vorfahren und seinen dorthin zurückgekehrten Eltern nahe war.
Nach mehrmaligem Aufenthalt in England und Schottland legte er die Mittelschullehrerprüfung in Englisch und Deutsch ab und unterrichtete von 1942 bis zu seiner Pensionierung im Frühjahr 1956 an der Wittekind-Mittelschule in Osnabrück. Er starb nach kurzer, heftiger Krankheit am 24.12.1956, einen Tag nach seinem sechsundsechzigsten Geburtstag. Der Neubau der Heidberger Schule erhielt 1958 zum Gedenken an ihn den Namen »Karl-Lilienthal-Schule«. Der Heimatverein der Stadt Lilienthal bei Bremen, aus der seine Familie ursprünglich stammt und über deren Geschichte er zwei Bücher veröffentlicht hat, errichtete 1988 zu seinen Ehren einen Gedenkstein.

Werke
Karl Lilienthal begann seine schriftstellerische Laufbahn mit dem Verfassen von Gedichten (1907-1916), von denen jedoch nur wenige veröffentlicht sind. (Es existiert ein nachgelassener Manuskriptband mit rund hundertundzwanzig Gedichten). In seiner Osterwalder Zeit verlagerte sich seine literarische Tätigkeit auf das Tagebuch-Schreiben. Auszüge veröffentlichte er erst rund vierzig Jahre später im Jahrbuch des Heimatvereins der Grafschaft Bentheim (1954, 1956, 1957).

Während seines langen beruflichen Wirkens in Heidberg und Osnabrück widmete er sich in seiner Freizeit intensiv der Erforschung der Geschichte des Kreises Osterholz und hielt sich häufig zum Quellenstudium im Staatsarchiv in Hannover auf. Eine große Anzahl heimatkundlicher Bücher, Hefte und Zeitschriftenartikel sind die Frucht seines immensen Forscherfleißes, darunter z.B. Chroniken mehrerer Orte. Sein bedeutendstes Werk auf diesem Gebiet ist »Jürgen Christian Findorffs Erbe« (1931). Es beschreibt in großer Detailliertheit und mit vielen Abbildungen, Skizzen und Namenslisten versehen die Geschichte der Kolonisierung des Teufelsmoores und setzt zugleich dem genialen Moorkolonisator Findorff, der völlig in Vergessenheit geraten war, in fesselnder Weise ein Denkmal. Das Buch erschien 1982 in der dritten Auflage.

Nach dem Zweiten Weltkrieg schrieb Lilienthal neben seinen heimatforscherischen Arbeiten eine Reihe von Erzählungen und den bislang unveröffentlichten Roman »Gesch Margret«, den er vermutlich schon in seiner Heidberger Zeit begann. Vergleiche: Wümme-Zeitung, 29.12.1956. Seine Erfahrungen in der Grafschaft Bentheim sind, außer in den bereits erwähnten Tagebüchern, in folgenden Erzählungen verarbeitet:

  1. Wie der kleine Bernd Kasper starb — Lilienthal beschreibt hier Krankheit, Tod und Begräbnis eines seiner Osterwalder Schüler. (In: Der Grafschafter, 1954, S. 101-102)
  2. Es gibt noch eine Zukunft — Beschreibt, wie ein nachgelassener Brief einer jungen Osterwalder Kriegerwitwe hilft, den Tod ihres Mannes zu verkraften. Ebd. 1954, S. 134 – 135
  3. Der Rabenhofbauer — Beschreibt packend und dramatisch die Ereignisse beim Brand eines Bauernhauses nach Blitzeinschlag. (Ebd. 1954, S. 165-167)
  4. Die Wulfs und ihre Söhne — Eine Bauersfrau versinkt in geistige Verwirrung, nachdem einer ihrer Söhne in Frankreich gefallen ist und ein zweiter als vermißt gemeldet wird. Der Vermißte kehrt zurück, und die Erzählung endet in einem recht zuversichtlichen Ton. (In: Bentheimer Jahrbuch, 1955, S. 148-170)

Erzählungen, die nicht in der Grafschaft spielen:
Des Königs letzte Fahrt (In: Der Grafschafter, 1956, S. 321-322)
Der Altenteiler — Die Geschichte spielt um 1850. (Ebd. 1960, S. 683-684)
Jungfer Dores Niehaus (Als Heft erschienen. Vorhanden in der Stadtbücherei Nordhorn.)
In den Grafschafter Nachrichten veröffentlichte Lilienthal am 16.07.1956 einen Bericht über eine im Monat zuvor unternommene Englandreise. Seine letzte — wie »Der Altenteiler« bereits posthume — Veröffentlichung in der Grafschaft war das Gedicht »Heimat«, das sich auf Osnabrück bezieht. (In: Der Grafschafter, 1961, S. 849)

Tagebuchveröffentlichungen
Die bereits erwähnten Auszüge aus Lilienthals Tagebüchern der Jahre 1917/18 verdienen eine besondere Beschreibung und Würdigung, denn sie sind trotz ihres Umfanges von nur fünfzig Druckseiten sehr inhaltsreich. Sie geben erstens viele interessante Informationen über Lilienthals Wesen und Charakter, über die Bücher, die er las, über seine philosophischen und religiösen Einstellungen, seine Aufgaben und Aktivitäten, seine menschlichen Kontakte. Zweitens schildern sie exemplarisch eine ganze »Welt«, einen »Mikrokosmos«, nämlich das Leben in einer Landgemeinde (Osterwald) und dem benachbarten Dorf (Veldhausen) gegen Ende des Ersten Weltkrieges, als die alte Ordnung Europas zusammenbrach.

Luise Stülen geb. Lilienthal
Karl Lilienthal besuchte die Grafschaft Bentheim über sein ganzes Leben hin noch recht haufig, vor allem weil seine Schwester Luise (1893 – 1976), die ihm in Osterwald den Haushalt geführt hatte, in der Grafschaft blieb. Er hielt aber auch Kontakt zu seinen hiesigen Schülern. Dies erwies sich für ihn und seine Familie als nützlich in der Notzeit der Jahre 1945 bis 1948, als in Osnabrück, wie überall in den deutschen Städten, ein großer Mangel an Lebensmitteln herrschte. Luise Lilienthal heiratete Georg Stülen (1878-1955), der zusammen mit seinem Bruder Johann in Neuenhaus das Möbelgeschäft Gebrüder Stülen betrieb, das auf dem heutigen Grundstück Veldhausener Str. 39 stand.
Auch sie war künstlerisch begabt; sie spielte Klavier, schrieb Gedichte und Tagebücher. Im Grafschafter (April 1985) sind Auszüge aus ihren Aufzeichnungen über die wirre Zeit des Kriegsendes 1945 sowie zwei Gedichte von ihr veröffentlicht. (Ebd.1977, S.20, und 1978, S. 18). Ihre Tochter Irma heiratete auf den Bauernhof Jeurink im Hoogsteder Ortsteil Arkel. Dieser Hof ist Heimatfreunden durch das Buch „Mien aule Ollershuus“ von Dr. Jan Jeurink gut bekannt.
Der Grafschaft Bentheim hat Lilienthal durch die schriftstellerische Verarbeitung seiner hiesigen Erlebnisse einen bleibenden Dienst erwiesen.

J.-G. Raben, bearb. G.J. Beuker

Piccardie

Seh im Geiste ich die lange Straße,
Hingestreckt wie eines Eilands Band,
Vollmondlicht aus weißer Sternengasse,
Glänzend auf dem eingeschlafnen Land,

Denk ich an die Nacht, die sommerlaue
An die Nebel, die im Abendstrahl
Zwieumleuchtet aus der weiten Aue
Niedersanken in den Moorkanal,

An das Licht, das märchenhaft verglühte
Überm Blachfeld, wo ein Fürstenhain
Einst in roter Pracht verblühte,
Sommernachts im hellen Mondenschein.

Übern Brunnen sprang ein schlanker Knabe
Wildlings vom vermorschten Stein,
Hielt zu uns im Tritt als wie im Trabe ~
Unser Brauner fand den Weg allein.

Karl Lilienthal am 22. August 1916

Carl van der Linde 1861-1930

 

Carl-van-der-Linde wurde am 4. April 1861 in Veldhausen geboren. Nach dem Schulabschluss machte er von 1874 bis 1878 eine Buchdruckerlehre/Schriftsetzerlehre bei Kip und Lammersdorf in Neuenhaus. Von August 1878 bis 1880 wanderte und arbeitete er in Norddeutschland bis zur Ostseeküste, Süddeutschland, Östereich, Norditalien, Ungarn, Schlesien und Sachsen. 1884 trat er eine feste Anstellung beim Hamburger Fremdenblatt an. Neben seinem Beruf veröffentlichte er satirische Gedichte in verschiedenen Zeitschriften.

 

1911 kehrte er in seine Heimatstadt Veldhausen zurück. Er widmete sich dem Verfassen von Gedichten und Geschichten in plattdeutscher Sprache. In ihnen beschreibt er die Charaktere der Grafschafter, deckt menschliche Schwächen auf und hält ihnen auf unterhaltsame und humorige Weise einen Spiegel vor. Auf diese Weise wollte er die Menschen zum Nachdenken anregen.

Durch seine Veröffentlichungen wertete Carl-van-der-Linde das Grafschafter Platt als Schriftsprache auf. Sein erstes Buch „Grappen und Grillen“ erschien 1930 kurz nach seinem Tod. Carl van der Linde starb an einem Herzinfarkt am 13 Januar 1930 im Evangelischen Krankenhaus in Neuenhaus und wurde auf dem jüdischen Friedhof in Neuenhaus beigesetzt.

Unbekannter Verfasser

In einer bescheidenen Pappschachtel, die seinen literarischen Nachlaß barg, lag zu oberst als letzter Gruß an seine Freunde, Verehrer, Mitstreiter und Leser folgendes Gedicht:

Y möt nich truren

Y möt nich truren, wenn ick starwe! Dat is heelmoals nich noa mien Sinn,
Uem dat de Doad för my dat Beste, Wat ick an’t heele Lewen finn!
Dat Starwen schrickt my nich as andre, goah gerne hier ut disse Welt,
wo sick den heelen Dag de Menschen met Mißgunst, Haß en Sorgen quällt.
Doarüm nich reeren, wenn ick starwe! Reer Y ok, wenn dat Gröss wot soar?
Reer Y ok, wenn de Blomen welkt enn ander Planten ieder Joahr?
Weest men pleseerig, wenn my endliks heff to sick ropen Gott de Heer!
Richt’t doarnoa in, dat wy uns alle trefft alltehoape bowen wer!

 

Mien Aulershus

Doar vöar in’t dorp, doar stünd en hus,
Dat kann ick noit vergetten,
Doar he’ck miene klümpies, de ersten de’ck harr,
Met trippeln en trappeln versletten.

Ick seh‘ noch mien moder, de flietigste frau,
Van morgen bis oawend sick ploagen,
Ick seh‘ noch de winkel met allerläi tüüg, 
Met elle, gewichte en woagen.

Ick stell‘ my noch vöar ieder kamer en hook,
De köcken, de dälle, de lange,
De ieserne heerd en dat glöiende füür,
De röäster, de püster en tange.

De swattbunte katte ick düdlik noch seh‘
Doar liggen by’t füür up de plate,
Ick seh‘ noch mien moder, de flietigste frau,
In de floar de gliewen en gate.

Völl hebb ick vergetten, wat fröger geböört,
Wat wall van belang, üm te wetten,
Men vöar in’t dorp mien aulershus
Dat kann ick noit vergetten.

Helga Vorrink und Siegfried Kessemeier haben im Auftrag der Carl-van-der-Linde-Schule Veldhausen herausgegeben:
Carl van der Linde, Löö en Tieden. Ausgewählte Texte und ein Lebensbild, Veldhausen 2008, 288 S.

Sigrid Lübbermann, Jg. 1941

Sigrid Lübbermann, gebürtige Neuenhauserin, wuchs als Tochter der Eheleute Hermann und Inge Veddeler in dem kleinen Städtchen auf. Dort verbrachte sie eine glückliche Kinder- und Jugendzeit. Nach der Heirat bezog sie mit ihrem Mann ein Eigenheim auf dem Ortfeld in der „Herrlichkeit“ Lage. Sigrid Lübbermann ist Mutter von vier erwachsenen Kindern. Sechs Enkelkinder sind ihr ganzer Stolz. Ihre Gedichte und Geschichten sind nicht nur in der Grafschaft bekannt. Lange Jahre schrieb sie auch für einige auswärtige Zeitungen. Seit es die „GW am Sonntag“ gibt, findet der Leser jede Woche eines ihrer Gedichte. Mal lustig, mal ernst. Eben aus dem Alltag gegriffen. „So isses!“ sagt Sigrid Lübbermann, die den Wunsch vieler Leser erfüllt und dieses Buch herausbringt.

Alt  Neuenhaus                                                          

Einst war Neuenhaus sehr schön!
Anhand der Fotos könnt‘ man ’s sehn,
die ein Herr dieser Stadt freigab
für das Tageblatt.

Zur Freude der Bürger von Neuenhaus,
ältere Einwohner kannten sich aus.
Sie schauten mit wehmütigem Blick
auf eine ruhige Zeit zurück.

Viele Häuser mußten weichen,
vieles, vieles ist nicht mehr.
Unsere Straßen wurden breiter,
für den rollenden Verkehr.

Durch sie treibt heut kein Bauer die Kühe vor sich her…
Verschwunden sind die Lädchen, fort die Behaglichkeit.
„Großmärkte“ machten dafür
sich in dem Städtchen breit.

Heut steht man vor den Ampeln und – o große Not,
ständig heißt es warten, immer sieht man Rot!
Die Jahre gehen weiter, sie gehen aus und ein,
doch so schön wie damals, wird Neuenhaus nie mehr sein!

Lene Maschmeyer-Meckelnburg geb. Sager 1913-1990

Lene Maschmeyer-Meckelnburg war in erster Ehe seit 1936 mit August Meckelnburg (Jg. 1902) verheiratet, der in Neuenhaus auf dem heutigen Anwesen Veldhausener Str. 57 ein Baugeschäft betrieb und mit 46 Jahren starb.
Etwa 1977 heiratete sie in zweiter Ehe Dietrich Maschmeyer, der in Schüttorf am Markt eine Bäckerei und Konditorei betrieb. Nach dem Tode ihres ersten Mannes hatte sie schwere Jahre, in denen sie sich um das Baugeschäft und um ihre kleinen Kinder kümmern musste. Im Geschäft half ihr Otto Wegert, der später ein Versicherungbüro an der Veldhausener Straße (nahe dem Kreisverkehr) hatte; auch ihr Vater Ludwig Sager unterstützte sie sehr.
Im Nachlass Lene Maschmeyers sind weitere Gedichte vorhanden. Ihre Tochter Hanne-Luise Venebrügge, Lingen, hat versprochen, diese Gedichte als Fotokopien den Heimatfreunden Neuenhaus fürs Archiv zu übergeben.
In den Bentheimer Jahrbüchern 1989 und 1990 sind jeweils zwei plattdeutsche Gedichte dieser Aurorin veröffentlicht worden mit den Titeln „Dat kläine Wicht“, „Buxen Jan-Bernd“, „Omas Täschken“ und „De Grippe“, ebenfalls ein Gedicht von ihr mit dem Titel „Riekdom“ in den Grafschafter Nachrichten vom 19. April 2013, Seite 27, aus Anlass ihres hundertsten Geburtstages.
J.-G. Raben

Riekdoom

Fief Wichter heb ik – alle schlaunk en liek.
En altied däink ik: „Wat bis du riek!“
Haald` ik se schmon`s uut äeren Droam
en keek de Sünne döar`t grote Raam –
Dan keken mi an tien Öächies kloar;
soa gäerne streek ik dat weke Hoar.

Dee Joare wan`n schwoar, ik läerde dat Bükken,
dee Lasten up de Ground mi drükden!
Dan sööch ik vöör mi dee blaunken Gesichter
van miene lewen fief Wichter!
De Tied güng häin – de Tied was lank,
vöör`t äigene Hatte was mi faaks bang.

As nu to groot wör` miene Noat,
keek ik noa boben – help mi, du lewe Godd!
“HEE” wees mi up dee Gesichter
van miene fief Wichter!
Fief Wichter heb ik, alle schlaunk en liek. –
Nu segt is sölfs: Bin ik nich riek?

Josef Meyering 1907-1988

Unter den Schriftstellern der Dinkelstadt muß auch Josef Meyering genannt werden, der von Beruf Bezirksschornsteinfegermeister war. Im Volksmund wurde er „Seppel“ genannt, was bekanntlich die bayrische Form des Vornamens Josef ist. In Neuenhaus und Umgebung kannte man ihn als passionierten Angler und als Sammler von Antiquitäten, die er in einem kleinen privaten Museum, in der „Auldhäidskamer“, aufbewahrte und Besuchern gerne zeigte.
Er wohnte mit seiner Familie in dem heutigen Haus Uelsener Straße Nr. 18, das sein Vater im Jahre 1905 erbaut hatte, und war jahrelang Ratsherr in der bis 1970 selbständigen Gemeinde Hilten. Man darf Josef Meyering wohl als einen „Neuenhauser Humoristen“ bezeichnen. Witzig und humorvoll war er nicht nur in dem, was er geschrieben hat, sondern auch im persönlichen Umgang. Er hatte ein ansteckendes Lachen und wirkte dabei nicht selten wie ein Clown. Er war, auf Plattdeutsch gesagt, „nen plesäer`gen Käerl“.
Wenn ein Bauer einen neuen Schweinestall mit Futterküche und Schornstein gebaut hatte, dann fragte er bei der Abnahme: „Hebb Y`t met de Pestoar doan off sounder Pestoar?“ Damit war gemeint, ob die Arbeit von einer offiziellen Firma oder „schwarz“ gemacht worden war. (Im Falle von „sounder Pestoar“ wurde dem Bauern daraus „kein Strick gedreht“.)
Als Ludwig Sager ihn bat, er möge doch das, was er in seinem langen Schornsteinfegerleben gesehen und gehört habe, aufschreiben, kam er diesem Wunsch gerne nach und veröffentlichte von 1971 bis 1986 im Jahrbuch des Heimatvereins der Grafschaft Bentheim eine Reihe von kurzen, humorvollen plattdeutschen Erzählungen, die Einblick geben in das Leben der Niedergrafschafter Bevölkerung vergangener Jahrzehnte.
J.-G. Raben

Geschichten von Josef Meyering
Der Gölenkamper „Gefreite von Köpenick“ (Bentheimer Jahrbuch 1971, Seite 252);
Dat erste Radio (Bentheimer Jahrbuch 1972, Seite 174);
De nådslachtung (Bentheimer Jahrbuch 1973, Seite 215);
Is`t al så lange leen? (Bentheimer Jahrbuch 1974, Seite 221);
Harfstdag negenteenhundertsöbenteen (Bentheimer Jahrbuch 1975, Seite 277);
Einquartierung (Bentheimer Jahrbuch 1975, Seite 279;
Så kan`t kummen, så kan`t gåån! (Bentheimer Jahrbuch 1976, Seite 280);
Dat Groschennöst (Bentheimer Jahrbuch 1977, Seite 295);
De Wiehnachtsgans (Bentheimer Jahrbuch 1977, Seite 299);
Den besünderen breef (Bentheimer Jahrbuch 1977, Seite 301);
Klumpe up räise (Bentheimer Jahrbuch 1978, Seite 323);
Dat grote verteer (Bentheimer Jahrbuch 1978, Seite 324);
Hölpe (Bentheimer Jahrbuch 1979, Seite 258)
Söindagåwend in de mäimåånd (Jahrbuch 1980, Seite 242);
Andere tieden (Bentheimer Jahrbuch 1981, Seite 244);
Sonder brülfte (Keine Hochzeit). Bentheimer Jahrbuch 1982, Seite 243;
Nen aulen schösteenfegerbaas erinnert sik (Bentheimer Jahrbuch 1986, Seite 298).

Franz Wilhelm Miquel 1818-1855

geb. 23.8.1818 Neuenhaus,
gest. 2.10.1855 ebd.

Gymnasiallehrer,
Redakteur, Schriftsteller,

kath., später ref.,

(BLO II, Aurich 1997, S. 245 – 246)

Jugend und Schulzeit verbrachte Miquel in Neuenhaus, Grafschaft Bentheim, wo sein vielseitig gebildeter und sozial engagierter Vater als Arzt praktizierte. Die zugleich nationale und weltoffene Einstellung Miquels wird unter anderem damit erklärt, daß der Begründer des väterlichen Zweigs der Familie in Deutschland 1735 aus Frankreich kam. Studiert hat Miquel von 1837 bis 1841 in Göttingen, wo er im Konflikt um die Göttinger Sieben sogleich öffentlich für diese Partei ergriff. Später war er in einer verbotenen studentischen Verbindung aktiv. Sein Lehrer J. F. Herbart beeinflußte Miquels philosophischpädagogische Vorstellungen nachhaltig, obwohl jener sich politisch nicht betätigte.

1841 kam Miquel als Gymnasiallehrer für neuere Sprachen, Erdkunde und Geschichte nach Aurich. Hier muß er erfolgreich gearbeitet haben, denn die hannoversche Regierung finanzierte ihm einen Studienaufenthalt in England. Bekannt wurde Miquel in Ostfriesland nach der Märzrevolution 1848. Vereins-, Rede- und Pressefreiheit eröffneten dem gebildeten, politisch und gesellschaftlich interessierten Mann breite Betätigungsfelder. In Aurich wirkte er im Bürgerverein und ab Mai 1848 durch die von ihm weitgehend allein gestalteten „Ostfriesischen Zeitschwingen. Blätter zur Besprechung vaterländischer Interessen“. Der Titel signalisiert, daß Miquel sich Ludwig Börne und den Organisatoren des Hambacher Festes verbunden fühlte. Im April 1848 als Volksverordneter („Condeputierter“) gewählt, versuchte er mit seinen Kollegen die Wahl eines verfassunggebenden Gremiums für Hannover zu erreichen. Aus dieser Zeit rührt ein Zusammenwirken mit dem Emder Syndikus G. W. Bueren, der 1849 nach der Verdrängung Miquels aus Ostfriesland die „Zeitschwingen“ weiterführte. In seiner Zeitung behandelte Miquel die Verfassungs- und Machtfrage in Hannover, warb für politische Beteiligung durch Vereine und Petitionen und griff Fragen wie Volksbewaffnung, Gewerbefreiheit, Wahlrecht, Bürokratie und Volksbildung auf. Hier geißelte er das Wiedererstarken der Reaktion und hob nicht zuletzt die Bedeutung der sozialen Frage hervor. Artikel Miquels wurden von verschiedenen Vereinen als Schulungsmaterial verwendet; dies zeigt die Bedeutung seines publizistischen Wirkens. Die heimlichen Winkelzüge seiner konservativen Gegner, ihn versetzen zu lassen, hatten im Oktober 1848 Erfolg.

Miquel lehrte danach kurze Zeit in Ilfeld. Bereits Ende 1848 soll er nach Ostfriesland zurückgekehrt sein und die Schriftleitung der „Ostfriesischen Zeitung“ übernommen haben, deren Charakter als Nachrichtenblatt in dieser Zeit durch häufigere Leitartikel und Kommentare geändert wurde. Alle schriftlichen Äußerungen Miquels widersprechen der von zeitgenössischen Gegnern, aber auch in wohlmeinenden Gedenkartikeln erhobenen Behauptung, Miquel sei 1848/49 radikaler Sozialist oder realitätsferner Idealist gewesen. Wahrscheinlich liegt nach 1849 eine unzulässige Verknüpfung mit den Ansichten des jüngeren Bruders und späteren preußischen Finanzministers Johannes Miquel vor, der tatsächlich ab 1850 einige Zeit mit Karl Marx kooperierte, nachdem er zuvor in Hannover an Mobilisierung und Organisierung von Arbeitern und Handwerkern mitgewirkt hatte.

Ab 1850 lebte Miquel wieder in Neuenhaus und war, da ihm eine Lehrtätigkeit aus politischen Gründen verwehrt wurde, schriftstellerisch tätig, gelegentlich auch für die „Ostfriesische Zeitung“. Sein häufiger Appell, die Schule für eine politische Bildung der Volksmassen zu nutzen, ist auch auf Erfahrungen in Ostfriesland zurückzuführen, wo vor allem die ländlichen Unterschichten 1848/49 kaum politisches Engagement für Fragen und Probleme jenseits ihres Alltags gezeigt hatten. Werke: Beiträge eines mit der Herbart’schen Pädagogik befreundeten Schulmannes zur Lehre vom Biographischen Geschichtsunterricht, Leer 1847; Ostfriesische Zeitschwingen, Aurich, Mai bis Dez. 1848; Beiträge zu einer pädagogisch-psychologischen Lehre vom Gedächtnis, Hannover 1850; Wie wird die deutsche Volksschule national?, Lingen 1851.

Quellen: StAA, Rep. 21 a (alt), 2539, Bl. 115 ff. (Bericht der Landdrostei in Aurich an das Ministerium des Inneren vom 24.6.1848).

Literatur: Dietrich B i s c h o f f, Ostfriesland in der deutschen Bewegung 1848-49 (Abhandlungen und Vorträge zur Geschichte Ostfrieslands, 28), Aurich 1938; Friedrich-Wilhelm S c h a e r, Die Stadt Aurich und ihre Beamtenschaft im 19. Jahrhundert unter besonderer Berücksichtigung der hannoverschen Zeit <1815-1866>

(Veröffentlichungen der Histor. Komm. für Niedersachsen, XXIV), Göttingen 1963; Jörg Berlin, Ostfriesland in der Revolution von 1848/49, Band 1 und 2, Aurich 1987 (Maschr. vervielf.). Porträt: Rötelzeichnung in Privatbesitz, davon Photographie in der Landschaftsbibliothek, Aurich.

 

Dr. Johann Georg Raben hat etwa 2010 zu Franz Miquel notiert:

Dr. Ludwig Edel teilt über diesen Autor in einem Beitrag mit dem Titel „Miquels Ahnen“ (Der Grafschafter, 1954, S. 109 f.) mit, daß er das vierte von acht Kindern des Neuenhauser Arztes Dr. Anton Theodor Miquel und dessen Ehefrau Lüberta Köhler war, einer Tochter des bentheimischen Hausvogts in Neuenhaus.

Der Arzt Dr. Miquel führte zusammen mit Pastor Wessel Friedrich Visch, Wilsum, und Dr. Bening, Neuenhaus, die ersten archäologischen Ausgrabungen in der Niedergrafschaft durch, worüber er im Jahre 1828 einen Aufsatz veröffentlicht hat. (1) Er führte den Titel „Königlich Hannoverischer Hofmedikus“. Ihm wird nachgerühmt, daß er ein vielseitiges Interesse bekundete und eine ausgedehnte gemeinnützige Arbeit zum Wohle seiner Mitmenschen entfaltete. (Steilen, 1953) Eine Zeitlang war er Bürgermeister von Neuenhaus. Aus seinen drei Söhnen wurden ungewöhnlich erfolgreiche Männer. Einer von ihnen, Johannes von Miquel, brachte es bis zum preußischen Finanzminister. Edel schreibt über Franz Wilhelm Miquel, der das vierte Kind (und der dritte Sohn) des Neuenhauser Arztes war:

Er war zunächst Gymnasiallehrer, dann Schriftsteller in Aurich. Für ihn sind wir besonders eingenommen, da er in seinen Schriften für die Wichtigkeit der Plattdeutschen Sprache besonders in der Schule eintrat. Er starb schon früh im Alter von 37 Jahren in seinem elterlichen Hause in Neuenhaus. Wegen seines kränklichen und schlechten Aussehens nannte man ihn in Neuenhaus allgemein „De Dood“. (Der Grafschafter, 1954, S. 109)

Im Jahre vor dem Erscheinen von Ludwig Edels Aufsatz hatte Dietrich Steilen, in Bremen wohnend, im „Grafschafter“ (1953, S. 59) einen Artikel über Franz Wilhelm Miquel veröffentlicht, in dem er dessen schriftstellerisches Werk ausführlich beschreibt:

„Aus dem Leben Franz Wilhelms ist wenig bekannt“, gesteht er, skizziert dann aber doch dessen wichtigste Lebensstationen. Gestoßen sei er auf ihn durch dessen Schrift: „Wie wird die deutsche Volksschule national?“, die 1851 in Lingen bei der Buchhandlung von W. Jüngst erschien.

Steilen (2) hat noch zwei weitere Beiträge über Franz Wilhelm Miquel verfasst, und zwar „Franz Wilhelm Miquel kämpft für das Plattdeutsche“ (Der Grafschafter, 1954, S. 97 f.) und „Franz Wilhelm Miquel über das Bauerntum“ (ebendort, 1955, S. 277 f.).

Im ersten der beiden Beiträge beschreibt Steilen zitierend in Miquels Buch von 1851 enthaltene Gedanken und Vorschläge, darunter die folgenden:

Der Sprachunterricht in der Volksschule muß sich auf den Stammesdialekt aufbauen. – Die deutsche Volksschule lehrt jetzt das Hochdeutsche in hochdeutscher Unterrichtssprache, ohne Rücksicht auf den Stammesdialekt zu nehmen. […]

Schwindet das Plattdeutsch – verloren ist dann auf immer ein gutes Stück von dem Volks-Ich, verloren das, was die Sprache aus der Nationalität schöpft und ihr wiedergibt; unser doch schon zu sehr vergeistigtes Hochdeutsch wird dann zu einer bodenlosen Allgemeinheit kommen, sich immer weiter von den Quellen seines Lebens, der Natur und der sinnlichen Anschauung entfernen.

Wißt ihr Toren nicht, daß die Sprachbildung aus unversiegbaren Quellen schöpft, so lange sie in des Volkes Händen ist, an der Mutterbrust der Natur liegt, und der Vaterkraft des Lebens und seiner Erlebnisse genießt, und wenn ihr das alles durch gelehrte Kenntnis der Sprache ersetzen zu können glaubt, wer von euch getraut sich, den Reichtum der Mundarten völlig zu erfassen, getreulich zu überliefern und erschöpfend zu benutzen, und wer denn dazu Kühnheit oder Verwegenheit genug besitzt, wer will es dann auf sich nehmen, einen Ersatz für die Sprachquellen zu versprechen, welche aus der Eigentümlichkeit des Bodens, Klimas, Sitten, Beschäftigungen, Lebensalter usw. täglich und fortwährend emporspringen. […]

Nein, das Hochdeutsch darf die Mundarten nicht töten, so wenig wie das Hochdeutsche über den Mundarten fehlen darf. Es gilt einen Weg zu finden, auf dem sie beide wandeln können.“

In seinem Artikel aus dem Jahre 1955 beschreibt Steilen (wiederum anhand von Zitaten aus dem erwähnten Buch von 1851), welche Deutungen Miquel aus bestimmten namens- und volkskundliche Beobachtungen ableitet, die er im Bereich des bäuerlichen Lebens (und zwar speziell in Bimolten) gemac ht hat. Auffällig ist dabei, daß Miquel in den Sitten und Gebräuchen der Bauern viel halbverdecktes Heidentum zu erkennen meint.

Steilen zitiert unter anderem die folgenden Aussagen Miquels: „Der Rang des Bauern in der Gemeinde ist uralt, ja fast unveränderlich, da er an der Größe des Hofes und dem Namen der Hoffamilie hängt und das frühere gutsherrliche Verhältnis den Konkurs verhinderte. Er hält auf ihn noch heute so unerschütterlich, daß er nur in die gleichberechtigte Familie heiratet […]. Noch jetzt geht ihm Grundbesitz über alles andere, ist ihm der Hauptmaßstab für die Wertbezeichnung des Menschen. Und nun vollends seine Sitten und Ansichten! Welch wunderliches und doch noch so erkennbares Gemisch von Heidentum und aufgepfropftem Christentum.

Dem heutigen sächsischen Charakter liegt überall die heidnische Anschauung zu Grunde, überdeckt und versetzt mit den religiösen Ideen; und wer mit beiden vertraut ist, hat den Schlüssel und Eingang zum Charakter des heutigen Niedersachsen.“

Über seine Interessen für Sprache und Volkskunde hinaus war Franz Wilhelm Miquel jedoch vor allem dadurch bedeutend, daß er philosophische Ideen darüber entwickelte und formulierte, wie das staatliche und gesellschaftliche Leben in Deutschland aussehen sollte. Man darf ihn daher einen Staats- und Gesellschaftsphilosophen nennen.

Dietrich Steilen beschreibt das Wesen und die Entwicklung der Miquelschen Staatstheorie folgendermaßen:

„Von 1838 bis 1841 studierte er in Göttingen Philosophie. Unter seinen Lehrern machte der Pädagoge und Philosoph Johann Friedrich Herbart einen tiefen Eindruck auf ihn und er bekannte sich später offen zu Herbarts Lehren. Als Gymnasiallehrer kam er 1841 nach beendetem Studium nach Aurich.

Er muß ein tüchtiger Lehrer gewesen sein, denn die hannoversche Regierung schickte ihn zum Studium des englischen Schulwesens nach London. Es machte einen tiefen Eindruck auf ihn, wie die jungen Engländer aller Stände zu weltweiten Bürgern erzogen wurden. Durch seinen jüngeren Bruder Johannes kam er vielleicht früh zur Politik und wurde von dem Zeitgeist erfasst, besonders als er die Schriften von Marx und Engels studiert hatte. Als Anhänger des großdeutschen Gedankens kämpfte er für den deutschen Einheitsstaat und ordnete als glühender Patriot alles andere diesem Streben unter.

Der hannoverschen Regierung war solches Denken und Tun ein Dorn im Auge, besonders im Revolutionsjahr 1848. Sie versetzte ihn kurzerhand wegen seiner radikalen politischen Gesinnung und aufrührerischen Tätigkeit vom Norden in die entgegengesetzte äußerste Ecke des Königreiches, nach Ilfeld im Südharz.

Aber da Franz Wilhelm seine Gesinnung nicht änderte, sondern weiter auf seiner politischen Meinung beharrte, wurde seine Stellung unhaltbar. Er verlor sein Lehramt. Ende des Jahres 1848 kehrte er nach Aurich zurück und trat als Schriftleiter bei der Ostfriesischen Zeitung ein. Diese Tätigkeit musste er 1850, als die Reaktion kräftiger einsetzte, aufgeben und fand keine neue Stellung mehr.

Er kehrte nach Neuenhaus ins Elternhaus zurück und schrieb für liberale Zeitungen, so für die angesehene Weser-Zeitung in Bremen. Unter dem Einfluß Bastiats, vor allem durch dessen Schrift „Baccalaureat et Communisme“, wandte er sich von den sozialistischen und Vierten-Standes-Herrschaftsschwärmereien – so sein eigener Ausdruck – völlig ab und huldigte gemäßigteren Ansichten. In der Stille des Elternhauses starb er 1855, erst 37 Jahre alt.

In der Weser-Zeitung vom 14. Oktober 1855 widmete A. L. (wohl August Lammers) ihm einen Nachruf, in dem es heißt:
„Er war dem Streben der Gegenwart eher zu weit vorausgeeilt, als hinter ihm zurückgeblieben. Er gehörte zu der noch dünn gesäten Schar jener Politiker der Zukunft, welche für ihren eigenen publizistischen Gebrauch bereits die Anwendung der heutigen Volkswirtschaftslehre oder Gesellschaftswissenschaft auf die praktische Politik vollzogen haben. – Er benutzte mit sichtbarer Vorliebe die praktisch nüchterne Anschauungsweise der Niederländer im Zusammenhang mit ihrer verständigen Betriebsamkeit, um seinen weniger regsamen, mehr schreibenden und lässiger handelnden Landsleuten einen Spiegel voll anregender Beschauung vorzuhalten. –

Für das nordwestliche Deutschland, zumal für Hannover, ist Wilhelm Miquels Tod einer öffentlichen Lücke gleich zu achten. Hannover könnte im Sinne seiner höchsten Interessen eher ein halbes Dutzend Liberale des gewöhnlichen Schlages entbehren, als einen der wenigen Vorkämpfer besserer Folgezeiten, auf deren Banner die einfachen Worte Frieden und Freiheit stehen anstatt jeder Parteibezeichnung.“

Franz Wilhelm – sein Bruder Johannes bezeichnete ihn als den begabtesten und klügsten unter den drei Brüdern – hatte sich eine umfassende Geschichtskenntnis erworben und verband mit ihr eine tiefe Auffassung geschichtlicher Fragestellungen. Alle seine Aufsätze zeigen lebendig durchdachte Ideen. Sein Zukunftsideal ist die völlige Gleichheit aller Menschen in allen Beziehungen, der Sozialismus ist ihm uraltes Prinzip, und Christus ist ihm der größte Sozialist aller Zeiten. So erscheint ihm der Sieg des Sozialismus als Sinn der Geschichte. Zugleich aber lehnt er den Kommunismus mit äußerster Schärfe ab, weil der zur Anarchie führen muß.

Obwohl ihm die praktischen Erfahrungen seines Bruders Johannes fehlen, entwickelt er Probleme, die uns zeitnah anmuten und Achtung abnötigen. Er war ein überzeugter Anhänger des deutschen Einheitsstaates. Mit der Republik war er bereit sich dann abzufinden, wenn „das Bedürfnis der Gegenwart es erfordert“. Für besser hielt er indessen eine monarchische Demokratie. Grundlage des Staates sollte ihm der Volkswille sein, wie er sich durch freie und unabhängige Wahlen kundtut. Die Regierung sollte nach seiner Ansicht ganz allein in den Händen der Volksvertretung, des Parlaments, liegen. Mit klarem Blick erkannte er die Schattenseiten der nationalen Bewegung von 1848. [Steilen zitiert hierzu eine längere Passage aus Miquels erwähntem Buch von 1851. JGR] (Dietrich Steilen: Franz Wilhelm Miquel. Der Grafschafter, 1953, S. 59)

Das Grab Franz Wilhelm Miquels befindet sich auf dem historischen Neuenhauser Kommunalfriedhof nahe der Uelsener Straße und der Satingsbaane. Es handelt sich dabei um eine kurze, sich nach oben verjüngende vierkantige Säule aus Bentheimer Sandstein. Man darf sie wohl als einen Obelisken bezeichnen. Das Grabdenkmal strahlt klassische Schlichheit aus. Nur der Name und die Lebensdaten des Verstorbenen sind darauf zu lesen.

Anmerkungen
(1) Anton Theodor Miquel: Beschreibung der in der Niedergrafschaft Bentheim aufgefundenen und untersuchten altgermanischen Grabstätten. Archiv für Geschichte und Altertumskunde Westfalens. Band 2, Hamm 1828.
(2) Die Neuenhauser müssen diesem Autor für seine Veröffentlichungen über Franz Wilhelm Miquel dankbar sein; denn man würde sonst kaum etwas über diesen bedeutenden Sohn der Stadt wissen.

J.-G. Raben (Teil 2)

Wichtige Quellen

https://de.wikipedia.org/wiki/Johannes_von_Miquel
Artikel von Hermann Josef Tehler im Bentheimer Jahrbuch 1979, S. 110-121: Johannes von Miquel (1828-1901)
Vgl. auf dieser Homepage unter Ausstellungen die von 2002 über Miquel
 

Karl Naber 1900-1970

Karl Naber entstammt einer der ältesten Bürgerfamilien Veldhausens. In diesem Kirchdorf der Niedergrafschaft wurde er am 10.5.1900 geboren. Hier besuchte er die Schule. Im Jahre 1920 bestand er die erste Lehrerprüfung. Bis 1928 war er Lehrer in Veldhausen und anschließend bis 1939 Schulleiter in Alte Piccardie. Den Krieg hat er vom Anfang bis zum Ende mitgemacht. Von 1945 bis zu seiner Pensionierung im Jahre 1963 war er als Konrektor wieder in seinem Heimatort tätig. Hier lebte er auch im Ruhestand bis zu seinem Todestag, dem 5.3.1970. Liebe zur Natur und zur Heimat sind stets die treibenden Kräfte seines Wirkens gewesen.

Karl Naber war immer ein treuer und unentbehrlicher Mitarbeiter der Heimatbewegung und des Heimatvereins. Es reizte ihn stets, durchs Moor und die braune Heide zu streifen, um selten gewordene Vertreter der Schnepfen, Brachvögel und Regenpfeifer festzustellen oder die seltenen Birkhähne und Kampfläufer zu hegen. Er war Jäger und viele Jahre Leiter eines Hegeringes. Karl Naber hat sich auch mit der Geschichte seiner näheren Heimat befasst. Er hat sich dabei um die Erforschung der Wappen von Veldhausen und Altepiccardie erfolgreich bemüht. Seine heimatkundlichen Arbeiten fanden ihren Niederschlag in Beiträgen für unser Jahrbuch und den „Grafschafter“.

Auch in der Erzählkunst hat er sich bewährt. Heitere und ernste Geschichten stammen aus seiner Feder. Er schreibt in unverfälschter heimischer Mundart. Stets hat er mit feinem Ohr gehorcht und erspürt, wo ein seltner Ausdruck oder eine treffende Wendung in Gefahr war, verloren zu gehen. Er hat sie dann in ungezwungener Plauderei wieder zum Klingen gebracht Die Leseabende, an denen er seine Erzählungen vortrug, lockten trotz der Reize des Films, des Radios und des Fernsehens Hörer in großer Zahl an, die gern der bodenständigen Sprache lauschten

Quelle: Heimatdichtung der Grafschaft Bentheim. Zusammengestellt von Wilhelm Buddenberg und Dr. Hermann Heddendorp. Das Bentheimer Land, Band 79, 3. Auflage 1989, Seiten 220 – 261. Das Buch enthält mehrere plattdeutsche Erzählungen von Karl Naber.

J.-G. Raben

De Operation
(Lecht uut!)
Erzähler: De Klocke schleet twölm, ien deepe Röst‘ ligg Huus en Hoff van Harm-Oahm Nöst. Et krääit ginn‘ Hahn, ginn Hündken bleckt, soa still is ‚t, – net de Uhr, dee tickt.
De Moand de schient soa lecht düür ‚t Rahm en lacht üm dat, wat doat nu kwamm. Se lacht en lacht, – och cheen och cheen! Nee, soa mooi heff se ‚t noch nooit sehn!
Wat was doar dann, wat wööt doar spöilt? De Moand de heff ‚t mi wier vertäilt. Ik sull doar joa nich oawer proaten, men hier kann ik dat doch nich loaten. –

(Harm spring uut ‚t Berre en maakt Lecht. – Lecht an!)
Harm: Jannoa, druut, höars du soa schlecht? Ik segg di: Druut! Ik sall di ’t learen!
Jannoa: Och Harm, och Harm, wat sall gebüren?
Harm: Nu vür mi an, en ien de Kökken! Men ’n bettken schlaunk! Nich ierst antrekken!
(Jannoa vüran, et wött te bount.)
Jannoa: Du was doch gistern noch gesound! Wat hesse doch? Wat koump di an? Van Fusel koump dat doch nich van??
Harm: Loat dat Gesöar en dat Geschwoafel! Allo! Vüruut! En up de Toafel!!!
Jannoa: Wat? – Up de Toafel? – Hess ‚t wal goot? En sunner Kleed en Rock en Schuut?
Harm: Ik segg di: Drupp! Kauns du mi höaren? Of sall ‚k di doar ok noch up büren?
Jannoa: Och Harm, och Harm, du hess ‚t nich goot! 0ff hess de Griepe al ien ‚t Bloot?? Ik haal den Dokter. Bisse nich kloar? Sall ‚k ropen Hinnerk, Vaa en Moar?
Harm: Ik tell bis dree, dann liggs du laung! Ik bin wal wies – en ok nich kraunk!
(Jannoa geht liggen, se latt em frije Haund, mischien koump he dann wier ’n lück bi Verstaund! Harm geht bi de Laa‘ an haalt ’n groot Mess. Dat wett‘ he scharp en trett an ’n Disch…)
Jannoa: Och, Harm, och Harm, nu wee‘ ‚k Bescheed. Du wiss mi kwiet! 0, wat ’n Verdreet!
(Se reart en reart en jammert still.)
Jannoa: Och Harm, och Harm, wat is ‚t ’n Spill! Twintig Joahr bint wi nu traut, hebt altied goot tehoape hault.
Harm: Joa, du hess recht: Ne mooie, lange Tied! En nooit Verdreet, en sunner Striet! Üm dat te hoolen, mött ‚t nu geböar’n. Sall ‚k doarüm faks noch lange söaren? Ginn Röste heb ik mehr in ‚t Stroah, ok wenn ik met Hoasen (Strümpfen)an noa Berre goah. Miene Beene sind verkrappt van boawen bis unnern. Dat mött van nu an anners wödden!
(He näimp dat Mess en reckt de Haund en sett sik up den Toafelraund, um langsam, – sachte – en sunner Pien – ear de Spöane – van den Footnagels – of te schnien.)

(’n ault Groafschupper Vertellsel)

Geesjen Pamans 1731-1821

Geesjen Pamans wurde  in Gölenkamp geboren. „Etwa 1768 machte sie eine schwere Krankheit durch und kam dabei zu der Erkenntnis, dass sie ein Buch über ihre geistlichen Erlebnisse schreiben müsse“. (D. Wiarda im „Grafschafter“, 2004, S. 29) Und das obwohl sie, nach ihrer eigenen Auskunft, nur zwei Wochen zur Schule ging und in ihrer Kindheit das Schreiben nicht gelernt hatte. Irgendwann zog sie nach Neuenhaus, wo sie 36 Jahre lang in der „Upkamer“ eines Hauses des Zinngießers Arends an der Hauptstraße wohnte. Welchen Beruf sie ausübte, ist nicht bekannt. In der städtischen Steuer- und Bürgerliste steht sie nicht. Sie war nicht verheiratet. Im Laufe ihres Lebens schrieb sie in holländischer Sprache drei umfangreiche Bücher über ihre religiösen Erlebnisse und Erfahrungen, die sich religionsgeschichtlich als „pietistisch“ einordnen lassen. (In Holland wird von der „Nadere Reformatie“ gesprochen, was sich mit „Weitere“ oder „Genauere Reformation“ übersetzen lässt.)
Neben ihrer geistlichen Schriftstellerei empfing Geesjen Pamans in ihrer Wohnung Menschen aus den verschiedensten Ständen, die bei ihr seelsorgerlichen Rat suchten. Es ist überliefert, dass sogar Pastoren und hochgestellte Personen, zum Teil aus dem Adel, zu ihr kamen. Es darf wohl vermutet werden, dass Geesjen Pamans` Lebensunterhalt seit dem Beginn ihrer seelsorgerischen und schriftstellerischen Tätigkeit ganz oder teilweise aus Spenden stammte. In den Niederlanden werden ihre Bücher in manchen kirchlichen Kreisen auch heute noch geschätzt, denn noch in den Jahren 1980 erfolgte eine Neuauflage. Siegfried Wiarda berichtet, dass zu einer Zeit, als das alte Haus noch stand, in dem Geesjen Pamans gewohnt hatte, des öfteren Holländer nach Neuenhaus kamen, um sich die ehemalige Wohnung der Pietistin und Schriftstellerin, anzusehen. (Das Haus stand zwischen den heutigen Anwesen Hauptstr. 58 und 66. Dort befindet sich jetzt ein Parkplatz.)

Literatur:
(a) Jong, P.L. de. Die Bentheimer Kirche im 18. und 19. Jahrhundert. In: Reformiertes Bekenntnis in der Grafschaft Bentheim 1588-1988, Seite 138 ff. *
(b) Lieburg, Fred van. Geesjen Pamans (1731-1821): Geistliche Mutter des Bentheimer reformierten Pietismus. In: P.H. Abels et al.; Nederland en Bentheim. Vijf eeuwen kerk aan de grens. Die Niederlande und Bentheim. Fünf Jahrhunderte Kirche an der Grenze. Delft, 2003, S. 159-173. (Hg.: Vereniging voor Nederlandse Kerkgeschiedenis)
(c) Wiarda, Diddo. Eine ungewöhnliche Frau aus Neuenhaus. Geesjen Pamans – geistliche Mutter des reformierten Pietismus in der Grafschaft Bentheim. Der Grafschafter, 2004, Seite 29 f.
(d) Wiarda, Diddo. Het huisje van Geesjen Pamans. Documentatieblad Nadere Reformatie, 29e jaargang, nr. 1, zomer 2005, p. 65-67.
(e) Wiarda, Siegfried. Neuenhaus in alten Ansichten, Band 2, 1981, Bild Nr. 18.
J-G. Raben, 2011

https://www.altreformiert.de/beuker/biografien.php
unter Pamans, Geesjen

 

Dr. Johann-Georg Raben 1944-2022


Der 1944 in Hilten geborene Diplompsychologe stammt aus Veldhausen und lebte hier außer in der Zeit zwischen 1964 und 1984. Wegen einer schon im Studium aufgetretenen zeitweiligen psychischen Erkrankung hat er seinen Beruf nie ausgeübt!

Nach dem Abitur 1964 in Nordhorn war er zwei Jahre bei der Bundeswehr, studierte dann in Münster und Salzburg die Fächer Anglistik, Germanistik und Psychologie. Von 1978 bis 1982 war er wissenschaftlicher Assistent an dem Institut für medizinische Psychologie und Psychotherapie der Technischen Universität München. Seine (unveröffentlichte?) Dissertation 1983 bei Prof. S. Schindler in Salzburg über „kathartische Psychotherapien“ trägt den Titel: William Swartley’s Integrative Primärtherapie. Seine Literatursammlung zu diesem Thema hat er später dem Institut für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene e.V. in Freiburg überlassen.

Die Integrative Primärtherapie ist eine Weiterentwicklung der von B.Swartley, F.Lake, S.Grof, A.Janov Anfang der 70er Jahren entwickelten Primärtherapie (1973 gründete sich die International Primal Association in Montreal). Zentral in der Integrativen Primärtherapie ist es, wieder einen Kontakt mit sich selbst und den eigenen Gefühlen herzustellen.“ www.anitatimpe.de

1984 kehre Raben nach Veldhausen zurück, wo er für seine Mutter als Hausmann und Verwalter eines Mietshauses arbeitete. Nebenher widmete er sich heimatforscherischen und literarischen Interessen. (Aus: „Literaturwegen III“ und aus „Gestalten der englischen und hannoverschen Geschichte, 2014)

Broschüren und Bücher:

William Swartley’s Integrative Primärtherapie (Primal Integration) Diss. 1983

Beiträge zum Veldhausener Windmühlen-Jubiläum 1789-1989

Alte Veldhausener Mühlenbilder, 1989

Bibliographie zur Primärtherapie, pränatalen Psychologie und transpersonalen Psychologie, 1990

Gestalten der englischen und hannoverschen Geschichte. Mit Einblicken in die Geschichte von Demokratie und Verfassung. Erschienen aus Anlass des Jubiläums 1714/2014 der Personalunion Hannover-England. Verlag: Books on Demand, Norderstedt 2014.
420 Seiten, 2015 (Bespr. in BJb 2016, S. 277f durch H. Voort: „Hauptquelle Encyvlopaedia Britannica“).

Annäherungen an Gottfried Wilhelm Leibniz. Teil I: Veranstaltungen, Interviews etc. zum Leibniz-Gedenkjahr 2016“ (2017, Hamburg, tredition GmbH; 212 Seiten; Paperback 12,99 Euro, Hardcover 20,99 Euro). Das Buch ist im Handel erhältlich.

Beiträge von Raben
in Büchern und Zeitungen:

BENTHEIMER JAHRUCH 1992, S. 201ff
Erinnerungen an Karl Lilienthal (1890-1956)
(Auch in „350 Jahre Alte Piccardie“, 1997)

BENTHEIMER JAHRBUCH 1992, 239-256,
Übersetzung aus dem NL: In Friedenszeit, von Ignatia Lubeley (Pseudonym für Jo Engelberts 1880-1953. Original in: Van Hoepelrok en Pruikentooi. De achtiende eeuw beziehn in 8 no0velen en 18 kunsthistorische beijdragen…, Red. Prf. Dr. A.A. van Schlven, Verlag Callenbach, Nijkerk. (Spielt teils in Neuenhaus, Verfasserin evtl. verwandt mit Neuenhauser Familie Lubeley.
Quelle HP von Johann-Georg Raben, 15.11.2022, gjb

BENTHEIMER JAHRBUCH 2013, S. 323. Mehr Plattdeutsch ins Plattdeutsche!

BENTHEIMER JAHRBUCH 2019, S. 277ff: Die Veldhauser Kirche in der plattdeutschen Heimatdichtung

DER GRAFSCHAFTER Juni 1988: Bernhard Schnieders, Malermeister und Kunstmaler in Veldhausen 1873-1948

DER GRAFSCHAFTER Febr. 1994. Grabstein in Veldhausen

DER GRAFSCHAFTER Mai1997, Im Kreislauf der Geschichte – Ergänzungen

DER GRAFSCHAFTER Juni 2002 Der Schriftsteller Ludwig Brill aus Emlichheim (1838-1886)

DER GRAFSCHAFTER Febr. 2007 mit Manfred Kip: Gab die Tuba den Bentheimern ihren Namen?

In: Neuenhaus 1945 – 1948, VHS NOH 1989,
S. 43 mit Wolgang Brandt: Mangelwirtschaft und Brennstoffversorgung

1994/95 Übersetzung von:
Swenna Harger and Loren Lemmen,
The County of Bentheim and her emigrants to North America
erschienen 1996: Auswanderung aus der Grafschaft Bentheim nach Nordamerika, 1996

In: Jörg Ehrenberger, Thorsten Stegemann (Hg), Literaturwegen III. 12 Kurzgeschichten aus der Samtgemeinde Neuenhaus, o.O. 2014.
Darin: S. 57 – 67: Brautwerbung in Hohenkörben (in 1860) (siehe auch S. 9!)

In: Hohenkörben 2007, Drei Übersetzungen aus dem Englischen, nämlich:
Thelma Deters, Das Alte Haus in dem Wäldchen (Dobbenhaus in Michigan)
Swenna Harger, Die Nachfahren der Familie Dobben hier in Nordamerika
Dr. Harry Jellema, Reisebericht über die Grafschaft und ihre Bewohner (aus 1923)

IN: Löö en Tieden. Carl van der Linde…, 2008
Plattdeutsches Wörterverzeichnis

In: Neuenhaus – Ansichten und Einblicke, 2011
S. 268 Prächtiges Steinmedaillon des Kölner Fürst-Erzbischofs Clemens August
S. 488 mit Gerhard Olthuis: Das Schlittschuhlaufen in früheren Zeiten
S. 764 – 781 „Am Ölwall sang die Nachtigall…“ – Neuenhauser Dichter und Schriftsteller:

J.-G. Raben hat viele Texte dieser HP über die Neuenhauser Autor*innen verfasst, von denen einige stark gekürzt erschienen sind in „Neuenhaus – Ansichten und Einblicke“. Er veröffentlichte zahlreiche Leserbriefe in den Grafschafter Nachrichten. Darin ging es ihm häufig um die Förderung der plattdeutschen Sprache und deren Korrektur. (gjb 21.11.22)

Harm Reurik -1955, Pseudonym: H. Kurier

Harm Reurik wurde in Hilten geboren und war später Schulrektor in Gevelsberg im Westsauerland, hielt dabei jedoch Kontakt zu seiner Heimat. Er hat für den „Grafschafter“ der Jahre 1966-67 elf Beiträge geliefert und für das Jahrbuch des Heimatvereins (1954, S. 92 ff.) einen Artikel mit dem Titel geschrieben: „Hiltener Kriegsnöte des 17. und 18. Jahrhunderts im Spiegel der Geschichte der Gemeindemark“. Die elf Beiträge im „Grafschafter“ tragen den Gesamttitel „Wanderung durch die Grafschaft und ihre Geschichte“ (1)
Bereits im Jahre 1921 veröffentlichte Reurik im „Grafschafter“ einen dreiteiligen Artikel mit dem Titel „Lamann und Hüsemann“. Er beschreibt darin die interessanten Lebensläufe zweier Grafschafter Lehrer. (2)
In seiner neuen Heimat im Bergischen Land (heutiger Ennepe-Ruhr-Kreis, Nordrhein-Westfalen) hat er im Jahre 1921 ein heimatkundliches Buch mit dem Titel „Heimat, Vaterland, Welt“ (3) veröffentlicht, das, wie Heinrich Specht in seiner Besprechung im „Grafschafter“ (14.1.1922) schreibt, „offensichtlich allen Lehrenden ein Wegweiser sein soll durch die interessante Geschichte der Schwelmer Gegend.“
Das Pseudonym „Kurier“ ist entstanden durch Umstellung der Buchstaben des Namens Reurik.

Anmerkungen
(1) Siehe: Der Grafschafter, 1966 und 1967, Seiten 316 f., 324 f., 334f., 341 f, 346 f., 356 f., 365 f., 370 f., 388 f., 394 f., 402 f. Der Untertitel der elf Folgen lautet: Aus dem „Familienkalender auf das Jahr 1903 nach Chr. Geb. für die Grafschaften Bentheim und Lingen.“ Reurik hatte seinen umfangreichen Beitrag also offensichtlich erstmals in diesem „Familienkalender“ veröffentlicht und die elf Folgen im „Grafschafter“ sind ein Nachdruck.
(2) Siehe Der Grafschafter, 22. Juni, 6. Juli und 23. Juli 1921.
(3) Verlag: Schwelmer Tageblatt.
J.-G. Raben, um 2010

GJB: Emil Böhmer. Hendrik Reurik, dem Freunde, zum Gedächtnis!
In: Der Märker 4, 1955 Heft 7/8, S. 195
Liesegang, Rolf: „Mein Geist muss forschen“ –
eine Erinnerung an d. Heimatforscher Hendrik Reurik.
In: Gevelsberger Berichte. 2000 (2000), S. 175-180

Felicitas Rose 1862-1938

Felicitas Rose hieß eigentlich Rose Felicitas Moersberger, verheiratet Schliewen, und war eine „Verfasserin vielgelesener Heimatromane von den Halligen und aus der norddeutschen Heide“ (Gero von Wilpert, Deutsches Dichterlexikon, Kröner TB 1975). Sie war befreundet mit einer Nordhorner Fabikantenfamilie und hielt sich des Öfteren in der Grafschaft auf. Durch die Fabrikantenfamilie wurde sie zu einem Heimatroman angeregt, der in Lage spielt.
Siehe Karl Koch: Lage als Schauplatz eines Erfolgsromans der zwanziger Jahre. Hintergründe der Entstehung und Ursachen der regionalen Nichtakzeptanz des Romans „Der graue Alltag und sein Licht“ (1922) von Felicitas Rose, in: Bentheimer Jahrbuch 2001, S. 243-256.
In Der Grafschafter, 3. Dezember 1921, stellt Ludwig van Geel mehrere Romane von Felicitas Rose vor.
J.-G. Raben, um 2011

gjb  https://de.wikipedia.org/wiki/Felicitas_Rose

Ludwig Sager 1886-1970

Sager war Lehrer, Historiker, Naturfreund, Jäger, Verfasser hoch- und plattdeutscher Lyrik und Prosa. In einem Lebenslauf, abgedruckt im Bentheimer Jahrbuch 1964 (S. 223), schreiben Wilhelm Buddenberg und Dr. Hermann Heddendorp:

Ludwig Sager wurde am 25. Januar 1886 in Schüttorf geboren. Dort besuchte er die Volksschule und anschließend in Aurich die Lehrerbildungsanstalten. 1906 trat er seine erste Lerrerstelle in Getelomoor an. Von 1907 bis 1913 war er in Uelsen und seit 1913 in Lage als Lehrer und Organist tätig.

1930 kam er als Hauptlehrer nach Neuenhaus; dort schied er 1949 aus dem Lehrerberuf aus. Seither lebt er als Ruheständler in Neuenhaus. In seiner freien Zeit hat Ludwig Sager sich als Naturfreund mit Liebe und Hingabe der Jagd gewidmet. Bereits in jungen Jahren war er vom Heimatgedanken durchdrungen. Alte Zeugen vergangener Zeiten in seiner Geburtsstadt Schüttorf weckten in ihm früh einen ausgeprägten Sinn für die Heimatgeschichte; unermüdlich studierte er historische Quellen. Seit 1906 flössen aus seiner Feder unaufhörlich Darstellungen aus der Geschichte unserer Heimat, die in Tageszeitungen, Zeitschriften und den Jahrbüchern des Heimatvereins er­schienen sind. Zu allen Jahrbüchern, deren erstes 1926 herauskam, lieferte er Beiträge. Ludwig Sager ist der Verfasser der Schrift „Die Grafschaft Bentheim in der Geschichte“, die 1952 erschienen ist.

Am Ölwall sang die Nachtigall
Am Ölwall sang die Nachtigall –
aus tiefem Frieden süßer Schall!
Wer wollte da nicht gerne lauschen
statt auf Motorenlärm und -rauschen?
Gott geb`, dass uns dereinst beschieden
das Glück, zu hören sie im Frieden!

„Alt-Neuenhaus“
Strömen von Süden die Wasser der Dinkel, zügellos flutend:
Hier leitet und hemmt sie des Menschen ordnende Hand,
dass sie ihm dienen und schaffen und treulich ihm helfen,
füllen die Gräben, beschirmend den regsamen Ort
Spritzend aus schäumender Fülle stürzen sie nieder,
treiben das Rad und mahlen das Korn und den Rübsen,
tragen geduldig gen Westen Boote mit reichlicher Ladung:
Seid mit gepriesen, ihr Bäche und Bächlein der Stadt!
(in: Ludwig Sager, Es jauchzen Wald und Heiden, S. 75)

Ein im Ton ähnliches Gedicht über Neuenhaus hat Heinrich Specht verfasst im Bentheimer Heimatkalender, 1935, S. 89.

Ich weiß ein feines Kindelein
Ich weiß ein feines Kindelein,
das sitzt am kahlen Bäumelein.
Weht auch der scharfe Märzenwind,
küßt gar der Schnee mein schlafend Kind:

Ein Glück! Die Mutter hat’s bedacht
und nimmt es wundersam in acht.
Es liegt im Flaumenbettchen
von zarten, weichen Blättchen.

Ein wollen Leibchen hüllt es ein,
darüber trägt’s ein Mäntelein.
Das ist fürs Kind ein Segen
bei Hagelschlag und Regen.

Der Mantel ist getränkt
mit Gummiharz! Es denkt:
Mag’s draußen regnen, schnein,
kein’n Tropfen läßt er ein!

Erst wenn im grünen Grase
sich zeigt der Osterhase,
möcht ich doch gern gucken —
will früher mich nicht mucken!
Ich liege wie in Mutters Schoß –
was für ein Kindlein ist das bloß?

Vechte un Dinkel
Et wassen twee, dee muggen sik lien,
dee kwammen tosammen van`t Süden glien.
See reekden sik faaker temööte de Hand,
doch mööt`ten dee bäiden Buss, Barge en Sand.
Men du bint see noa Nijnhuus kummen,
door hebbt se sik leew in de Arme nommen.
(in: Es jauchzen Wald und Heiden, S. 71)

Natur und Heimat bilden auch den Rahmen von Sagers dichterischen Arbeiten, die alle Stationen seines Lebens widerspiegeln. Einen großen Raum nimmt sein naturlyrisches Schaffen ein; seine Heide- und Jagdgedichte sind aus dem Herzen gesprochen. Einige sind vertont worden.
Feine Beobachtungen an der Natur und den Menschen der Heimat regten ihn vielfältig an, vor allem aber geschichtliche Ereignisse. 1948 erschien im Verlag Schöningh, Osnabrück, der Gedichtband „Es jauchzen Wald und Heiden“. Das Schauspiel „Der Hirt von Neuenhaus“, erschienen 1932 im Verlag A. Hellendoorn, Bentheim, wurde u.a. von der Bentheimer Freilichtbühne aufgeführt. [2]
Heimatliebe zu wecken und zu erhalten war ihm Zeit seines Lebens innerstes Bedürfnis bei seinem Wirken in der Schule und bei seiner Tätigkeit in der Öffentlichkeit und in Vereinen. Dem Heimatverein der Grafschaft Bentheim und dessen Vorstand gehörte er seit frühen Jahren an.
Erwähnenswert ist noch, dass Sager in den 1950er bis 1970er Jahren häufig Leserbriefe an die Lokalzeitungen schrieb und darin zu den verschiedensten Themen Stellung nahm.
Eine siebenseitige Biographie Ludwig Sagers ist von Helmut Lensing vorgelegt worden (siehe Emsländische Geschichte, Band 14, 2008, S. 306-328). Lensing beschreibt vor allem die Geschichte von Sagers politischem Denken und Handeln. Sagers Einstellung lässt sich global als sozialdemokratisch bezeichnen. In der Nazizeit hielt er sich notgedrungen „bedeckt“, führte aber heimlich ein Tagebuch, das später veröffentlicht wurde. Es ist überliefert, dass er Gottesdienste in der ev.-reformierten Kirche durch den Hintereingang betrat, damit seine Teilnahme den Nationalsozialisten des Ortes nach Möglichkeit verborgen blieb.
Eine Literaturliste von 15 Seiten, als Anhang von Lensings Biographie, weist auf die große schriftstellerische Produktivität Ludwig Sagers hin.
Viel ist über Ludwig Sager auch zu erfahren aus der Chronik „Lage. Geschichte und Geschichten“ (2008, S. 178-184).
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In dem Gedicht „Wachtmeister Thurmann“ wird knapp und prägnant eine Neuenhauser Amts- und Respektsperson beschrieben:
Wachtmeister Thurmann
Wachtmeister Thurmann! Hoog up’t Päerd!
Denn Hood off, Jungs! Dat is hee wäert!
Wat heff hee an de vettig Joahr
de Stadt bewaakt, gaff ‚t is Beschwoar!
„Die Paragraphen“, sää hee, “lieb ich nich,
doch wer’s mit mich zu stellen krigg,
dem schreib` ichs mit die Plempe vor
und zieh ihm welche über’s Ohr!“
Soa höilt hee Odder in de Stadt;
Met „mich“ un „mir“ — dat was soa watt;
doch kwammen em Radaubröörs dwass,
höilt hee Gericht, netsölws woar’t was.
Doch wisse, joa, ’n guud Glas Bäer,
dat was nich unner siene Äehr.
Soa heff hee ock bi’n „Trotz“ mangs setten.
Wi willt dij, Thurmann, nooit vergetten!
Worterklärungen:
„Trotz“ = Spitzname eines Neuenhauser Gastwirtes; Plempe = Gummiknüppel; et met eene te stellen kriegen = mit jemandem in einen Konflikt kommen.
(Zitiert aus: Der Grafschafter, 2005, Seite 14, wo auch ein Foto Thurmanns aus dem Jahre 1912 abgedruckt ist, das ihn „hoch zu Roß“ und mit dem Säbel an der Seite zeigt. Das Foto findet sich auch in S. Wiarda, Neuenhaus in alten Ansichten, Band 1, Bild Nr. 62.)
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In dem sechsstrophigen Gedicht „Unsere Arbeit“, das 1956 erschien, propagiert Sager die Heimatliebe und ruft zum Einsatz für den Heimatgedanken auf. Von der Beschäftigung mit der Heimatgeschichte und der Pflege der heimatlichen Natur und Kultur verspricht er sich eine heilende Wirkung:
Unsere Arbeit
Ihr nennt uns Träumer und Fantasten,
die wir die Welt so anders sehn,
die über all dem Jagen, Hasten
noch fühlen Gottes Winde wehn.
Nicht produktiv sei unser Tun:
„Gebt’s auf und lasst, was tot ist, ruhn!“
Aus eurem zweckbestimmten Streben
ihr lächelt uns’rer Emsigkeit.
Wir möchten aus der Tiefe leben,
wir suchen für die dürre Zeit
den Labetrunk, ein heilend Kraut,
darob sich noch der Himmel blaut.
Vielleicht, dass in der Tage Hasten
ein Mensch doch nach den Sternen fragt.
Er möcht‘ besinnlich wieder rasten
und hören, was die Erde sagt.
Vielleicht, dass ihn ein Vogel bannt,
vielleicht das Blümlein unbekannt.
Und hat ein Mensch den Weg verloren
und weiß nicht, wo er selber blieb;
die Seele, ist sie ihm erfroren,
da alles um und um ihn trieb,
vielleicht, dass sie sich wiederfind’t,
wenn sie sich auf sich selbst besinnt –
auf Ahn und Ahnfrau, wo sie bauten,
woher sie kamen, fort und fort,
dass einer hörte in der lauten,
verworr`nen Welt ihr leises Wort.
Dass, wo sie heißes Brennen spürt,
den Platz erhält, der ihr gebührt.
Des Himmels Blau, der Erden Schöne,
dem öffnet weit sie Tür und Tor,
und reiner klingen alle Töne,
wenn Ehrfurcht wieder schärft das Ohr.
Vielleicht, dass ein Verirrter fand,
was lang‘ er suchte: Heimatland.
(abgedruckt in „Der Grafschafter“, 1956, S. 334, und ebd. 2001, S. 44)
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Es sei hier noch auf ein paar weitere Werke Sagers verwiesen, die mit Neuenhaus und seiner Umgebung zu tun haben: Im Grafschafter Heimatkalender 1935 (S. 33 f.) erzählt er einigermaßen humorvoll, daß ein Neuenhauser Soldat an der Front im Ersten Weltkrieg immer wieder die Heimatklänge des Beierns, der Middewinterhörner und des Neuenhauser Wachtumzugs im Ohr hatte.
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Zu Herzen geht seine Beschreibung der Lebensgeschichte einer unverheirateten Frau, die in Lage aufwuchs, lebte und starb (4),
geistesgeschichtlich hochinteressant sein Bericht über ein revolutionäres „Fanal“ in Neuenhaus im Jahre 1795 (5).
Zu dem beeindruckenden Bildband „Die schöne Grafschaft“, (herausgegeben vom
Heimatverein, 1964) hat er ein Vorwort verfaßt.
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Im Heimatkalender 1941 (S. 97-100) lauscht der Heimatschriftsteller bei Mondlicht auf die Unterhaltung der „Ipen“ (= Ulmen) am Ölwall, die wegen einer Baumkrankheit kurz davor stehen, gefällt zu werden. (6) Die Bäume klagen über die Undankbarkeit der Menschen und erzählen einander, was sie im Laufe ihres langen Lebens alles gesehen haben – z.B. um 1814 den russischen Fürsten Narischkin, der den schönen Neuenhauserinnen nachstellte und „mehr nach der Venus als nach dem Mars blickte“.
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Als sich am 7. April 1955 ein Storch auf den Turm des alten Neuenhauser Rathauses setzte, nahm Sager dies zum Anlaß für ein plattdeutsches Gedicht, in dem er die Reaktionen und Empfindungen beschreibt, die dieses Ereignis bei den Neuenhausern auslöste. (Siehe Sagers Gedichtband „Meine Freunde“, S. 26 f.)
Ältere Neuenhauser werden sich erinnern, dass auf der Spitze des Rathauses jahrelang ein radförmiges Gebilde angebracht war, das als Grundlage für ein Storchennest dienen sollte. Vermutlich wurde es nach jenem Storchenbesuch angebracht. Leider wurde dieses Rad nie von einem Storchenpaar genutzt. Das Ereignis des Neuenhauser Storchenbesuches im Jahre 1955 ist erzählerisch von Hartmut Viehoff beschrieben worden.
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Ludwig Sager hat ferner einer alten Sage unter dem Titel „Die Sage vom Påschebarg“ ihre endgültige, perfekte Form und Sprache gegeben. Wie er selber im „Grafschafter“ (1960, S. 728) berichtet, hatte ein alter Schäfer, „Gelsmanns Gerdoahm“ genannt, diese Sage dem greisen Pastor Sluyter in Lage erzählt, der sie das erste Mal aufschrieb. Ob Gerdoahm sich die Sage selber ausdachte oder ob sie sehr alt ist, möglicherweise von woandersher stammt und dann auf die Grasdorfer Verhältnisse angepasst wurde, ist unklar.
Sager hat dem tragischen Schicksal des Ritters Hendrik von Gravestorpe, der das „Haus Grasdorf“ als Lehen hatte und in der Schlacht von Ane bei Gramsbergen (1227) mitkämpfte, in einer zwölfstrophigen Ballade von beachtlichem literarischem Niveau ein Denkmal gesetzt. (Vergleiche „Es jauchzen Wald und Heiden“, S. 48-50)
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Die grausige und traurig stimmende Neuenhauser Sage von den „Söwen Jüfferties“ (= „Sieben Fräuleins“ oder „Sieben jungen Damen“) ist sowohl von Ludwig Sager als auch von der Grafschafter Heimatdichterin Lucie Rakers (8) dichterisch bearbeitet worden, und zwar von Sager in einem ziemlich kurzen Gedicht mit dem Titel: „Am Söwenjüffertieskolk bei Neuenhaus“, das neun reimende Zweizeiler umfasst, wogegen Rakers` Gedicht erheblich länger und inhaltlich vielgestaltiger ist – in mancher Hinsicht auch „poetischer“, darf man wohl sagen. (Es besteht aus sieben Strophen von jeweils acht Versen.)
In Lucie Rakers` langem Gedicht „Am Söwenjüffertieskolk“ wird die Geschichte ausgeweitet: Die Mädchen leben unten im Schattenreich des Teiches weiter, wo sie dem Wassermann, der dort herrscht, in allen Dingen zu Diensten sein müssen und sogar von ihm Kinder haben. Wie das Gedicht mitteilt, war es dieser böse Wassermann, der heimtückisch das Eis des Teiches brach und die Mädchen dadurch ins Verderben riß.
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Veldhausen verdankt Sager eine Erinnerung an den früher dort alljährlich im Juni stattfindenden Johannimarkt. Das Gedicht trägt den Titel: „Sünt-Jans-Mark en Schulten Hüntien“. (Abgedruckt in: Der Grafschafter, August 1956, S. 339)
Mit „Schulten Hüntien“ ist der Pannenborgsche Schnaps gemeint. (Die Firma hieß offiziell „G. Scholten“.) Wenn von jemandem gesagt wurde: „Schulten Hüntien heff em betten“, so bedeutete dies, dass der Betreffende stark alkoholisiert war. Das Gedicht beschreibt die Auswirkungen von „Schulten Hüntien“ an jenen Veldhausener Markttagen.
Ein absolut rätselhaftes Gedicht hat Ludwig Sager im Jahre 1940 verfaßt („Major van Cruif“ im Bentheimer Heimatkalender 1941). Es ist vielleicht ein Ausdruck der inneren Konflikte zu deuten, die den Dichter nach dem Einmarsch deutscher Truppen in das benachbarte Holland quälten.
Sagers Gedicht „Begegnung mit dem Eisvogel“ ist von Peter-Christian Zieger im Bentheimer Jahrbuch 1966 (S. 101 f.) interpretiert worden.
Irene Schmidt erinnert in den GN vom 24. Januar 2011 (S. 16) an den 125. Jahrestag des Geburtstages von Ludwig Sager. Auch erzählen dort mehrere Enkelkinder Ludwig Sagers Anekdoten und private Erlebnisse, die sich auf ihn beziehen.

Mitteilen möchte ich noch, daß Ludwig Sager 2 Söhne und 3 Töchter hatte (nicht 3 Söhne und 2 Töchter, wie Lensing schreibt), und zwar: Wilhelm Sager (Lehrer in Neuenhaus), der mit Käthe Bitter aus Lage verheiratet war; Lene Maschmeier, verheiratet mit August Meckelnburg aus Neuenhaus, in zweiter Ehe verheiratet mit Dietrich Maschmeier aus Schüttorf; Dietrich Sager, 1916 geboren, vermisst um 1942 in Russland, er war verheiratet mit Grete Weigand, die vermutlich aus Nordhorn stammte; Friede Sager, 1918 in Lage geboren, blieb unverheiratet, hat einen Sohn, der in Soltau lebt; Liesa Feldkamp geb. Sager, verheiratet mit Heinz Feldkamp aus Brandlecht, der 2012 in Neuenhaus starb.
Ludwig Sager und das Ehepaar Feldkamp wohnten lange Zeit zusammen in einem Haus in Neuenhaus nahe der Lager Straße. Heinz Feldkamp war lange Zeit Bürgermeister von Hilten. Ludwig Sager war verheiratet mit Johanne geb. Maschmeier. Beide wurden in Schüttorf geboren.
In „Der Grafschafter“ 1924 erinnert Ludwig Sager mit einem vierzehnzeiligen Gedicht an eine Vorfahrin von ihm, eine Engländerin mit dem Namen Sarah Watch, die als Marketenderin an den Freiheitskriegen gegen Napoleon teilnahm.
Siehe zu Sager auch die Würdigung: „In memoriam Ludwig Sager“ in GN, 26. Mai 1970, verfasst von Willy Friedrich, Lucie Rakers und Christa Brinkers.

Anmerkungen
(2) Das Stück spielt im Jahre 1594 – einer Zeit des Krieges und großer Not. Als Ort der Handlung ist angegeben: „In und bei Neuenhaus, Burg Lage, Grafschaft Bentheim“. Das Schauspiel soll auch in den Wilsumer Bergen aufgeführt worden sein.
(3) Kritisch darf hier wohl angemerkt werden, dass auch die Grafschafter Geschichte ihre dunklen Flecken hat und dass nicht alle „Ahnen und Ahnfrauen“ respektable Vorbilder waren, auf deren „leises Wort“ (bzw. lautes Wort) man hören sollte. Auch waren nicht alle Aspekte der Grafschafter Geistes-, Sozial- und Kirchengeschichte bewunderns- und nachahmenswert.
(4) Nachruf für eine „Namenlose“. „Tante Hinni“, ein mit Dienen ausgefülltes Leben. GN, 4.9.1958, S. 7.
(5) Der „Freiheitsbaum“ auf dem Marktplatz in Neuenhaus 1795. BJ, 1937, S. 86 ff.
(6) Die Klage der Bäume erinnert an Carl van der Lindes Gedicht von den „fiewenvettig Veldhüser Ipen“. Vergleiche Ernst Kühles Buch „Veldhausen“, 1973, S. 148.

J.-G. Raben 2010, bearb. gjb

Im Buch, Grasdorf ist überall, Nordhorn 2022, sind alle oben genannten Gedichte und Texte aufgenommen, die über die genannten Grasdorfer, das Reitgaar, die Gemmenburg oder die Söven Jüfferties handeln (gjb).
https://www.heimatverein-uelsen.de/uelser-geschichte/pers%C3%B6nlichkeiten/ludwig-sager/
https://de.wikipedia.org/wiki/Ludwig_Sager

Karl Sauvagerd 1906-1992

 

Karl Sauvagerd wurde am 19. August 1906 in Gronau (Westfalen) geboren. 1910 zog die Familie in die Grafschaft Bentheim nach Wilsum. Er erlernte das Schneiderhandwerk von 1920 bis 1924 und legte 1931 seine Meisterprüfung ab. Er arbeitete, unterbrochen durch die Soldatenzeit von 1939-1945, selbständig in Neuenhaus. Karl Sauvagerd starb am 6. Februar 1992 in Uelsen. Bis nach Kriegsende schrieb er unter dem Pseudonym „Lyrikus“ in Zeitungen und Heimatkalendern viele Verse und Gedichte.

Karl Sauvagerd verdiente seinen Lebensunterhalt als selbständiger Schneidermeister. Man könnte ihn mit Recht mit einer Selbstbeschreibung von Sören Kierkegaard als „das Genie in einer Kleinstadt“ bezeichnen. Er verfügte über eine Vielzahl von Fähigkeiten und Interessen:
Sauvagerd ist künstlerisch vielseitig begabt. Schon als Schüler schrieb er Verse und ersann zusammen mit seinem Bruder Johann phantasievolle Geschichten. Seine Liebe gilt der Musik und der Malerei, vor allem auch der Botanik. Mit viel Ausdauer und Gründlichkeit studierte er die heimische Flora. In Karl Kochs „Flora des Regierungsbezirks Osnabrück und der benachbarten Gebiete“ von 1958 sind verschiedene Hinweise und Standortangaben Sauvagerds aufgenommen worden.
Seine Hauptaufgabe sieht Sauvagerd darin, in der niederdeutschen Muttersprache zu schreiben. Schon in den zwanziger Jahren veröffentlichte er unter dem Namen Lyrikus plattdeutsche Gedichte in Heimatkalendern und Zeitschriften. Aus seinem reichhaltigen literarischen Schaffen sind 1948 8nd 1955 zwei Bücher erschienen „Häideblomen“ und „De Tied blif Baas“. Letzteres erschien 1976 in einer zweiten, vom Verfasser neu bearbeiteten Auflage.

GJB: 2019 ist erschienen:
De Tied blif Baas. Karl Sauvagerd. Ausgewählte Texte und ein Lebensbild“, o.O., o.J., 413 Seiten.

Nach dem Zweiten Weltkrieg veröffentlichte Sauvagerd in Jahrbüchern und Zeitungen etwa 300 Gedichte, Betrachtungen, Berichte und Kurzgeschichten, sowie drei Romane. [1] Er nahm am „Zweiten Niedersächsischen Symposium“ (Universität Groningen) teil, das die internationale und interregionale Vosbergen-Schreibweise schuf. Sauvagerd schreibt seither in dieser „Europaschreibweise“. Viele seiner Gedichte sind von deutschen und niederländischen Komponisten vertont und z.T. im Rundfunk gesendet worden.
Karl Sauvagerd arbeitete am „Niedersächsischen Wörterbuch“ (Göttingen) und gelegentlich auch am Volkskundlichen Archiv in Münster i. W. mit. Er war Mitglied des „Schriewerkrings an Ems en Vechte“ und mehr als 35 Jahre Mitglied des Heimatvereins der Grafschaft Bentheim. (Bentheimer Jahrbuch, 1963, S. 219. Es folgen dort, auf fast 30 Seiten, Gedichte und Erzählungen Sauvagerds. Diese Auswahl aus dem Werk des Dichters ist ebenfalls abgedruckt in dem Band „Heimatdichtung der Grafschaft Bentheim“)
Sauvagerd hat sich auch als Übersetzer aus dem Holländischen und als bearbeitender Herausgeber betätigt. So hat er eine Erzählung der holländischen Schriftstellerin „L.E.“ (=Louise Engelberts) mit dem Titel „Pastor Picardts Buch“ ins Deutsche übersetzt (siehe Bentheimer Jahrbuch 1976, S. 244 ff.) und eine als Fragment überlieferte Erzählung des Schulinspektors August Focke (1802-1872) mit dem Titel „Klaska, die Zigeunerin“ in überarbeiteter Form veröffentlicht. (Siehe Bentheimer Jahrbuch 1975, S. 249-269)
Unbedingt erwähnt werden muß hier auch Sauvagerds wichtiges, zweibändiges Nachschlagewerk „Unser Grafschafter Platt“ (1975 und 1986 erschienen) – ein „Lebenswerk“ von ihm. Zu nennen ist ebenfalls ein schmales Buch von ihm mit dem Titel „Heimatliche Naturheilkräfte“, 1973 in der Schriftenreihe „Das Bentheimer Land“ als Band Nr. 83 erschienen. Es beschreibt die heimischen Naturheilkräuter. (Besprechung durch Fenna Friedrich in Der Grafschafter 1974, S. 55)
Sauvagerds literarischer Nachlaß und seine Bibliothek (darunter viele eingebundene Zeitungen) werden von seiner Tochter Berti Radicke in Uelsen aufbewahrt.
Karl Sauvagerd war in Neuenhaus eine allseits beliebte und geachtete Persönlichkeit. Er war lange Zeit Mitglied im Kirchenrat der ev.-reformierten Gemeinde und stand verschiedene Male als Laienprediger auf der Kanzel.
Ältere Neuenhauser berichten, dass Karl Sauvagerd des Öfteren Besuch von Wissenschaftlern (darunter Professoren) hatte, die mit ihm diskutierten und ihn zu sprachwissenschaftlichen und sonstigen Dingen befragten. Der Holländer Everhard Jans teilt im Bentheimer Jahrbuch 2009 (S. 211 f.) mit, dass er mit seinem Vater, dem Almeloer Architekten, Zeichner und Hausforscher Jan Jans, oft bei Sauvagerd zu Besuch war und dass der Dichter in den 1950er Jahren „manchen Dialektvortrag“ in Almelo hielt. Man habe sein Plattdeutsch „gut verstehen“ können, schreibt Jans.
Hingewiesen sei noch darauf, dass zwei Mitglieder des Grafschafter Heimatvereins im Bentheimer Jahrbuch 2007, S. 411-414, Erinnerungen an Karl Sauvagerd mitteilen.
In einem nachgelassenen Amateurfilm des Neuenhauser Kaufmanns Johann Niehaus, der um 1978 entstand und sich jetzt im Besitz der Stadt Neuenhaus befindet, sind Karl Sauvagerd und seine Frau bei ihrem Haus zu sehen.
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Aus dem in locker-heiterem Ton geschriebene Gedicht „Nijnhuus“ (erschienen in dem Band „Häideblomen“, S. 7) zitiere ich die Schlussstrophe:
In Nijnhuus latt et sik wal leewen,
dat Bähntien dat sorgt för Verkehr,
so`n bettien natt is`t mangs in Nijnhuus,
men nu, dat bettert ok wal weer.
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Unter den Spukgeschichten, die in Sauvagerds Band „Häideblomen“ enthalten sind, soll eine – mit dem Titel „Dän Wagen“ – sich im Neuenhauser Ortsteil „Teich“ ereignet haben. („Up`n Diek“ sagt man auf Plattdeutsch.)
In dieser Geschichte erschreckt ein wanderndes „blaues Licht“ zwei Männer, die mit einem Pferdefuhrwerk unterwegs sind. Dann blockiert auch noch ein böser, unsichtbarer Geist die Wagenräder. Einer der beiden Männer vertreibt den Geist schließlich mit kräftigen Beilschlägen, und das Fuhrwerk kann seine Fahrt fortsetzen.
Eine sehr gelungene Ballade (= erzählendes Gedicht) und zugleich Spukgeschichte stellt Sauvagerds Bearbeitung der Sage von der „Burg im Reitgaar“ dar. (Heinrich Specht, „Die gläserne Kutsche“, Seite 67).
Er hat aus dieser die Gefühle aufwühlenden Erzählung ein plattdeutsches Gedicht von 32 vierzeiligen Strophen gemacht (2), wobei er das schaurige Geschehen geschickt in eine Rahmenhandlung einbettet.
Bei der „Sage vom Reitgaar“ handelt es sich um eine Sage von hoher Qualität; denn wichtige Sagenelemente sind hier vorhanden: ein dramatisches Geschehnis aus alter Zeit, der Konflikt zwischen Gut und Böse, die Bestrafung böser Menschen durch das Eingreifen Gottes. Und das inbrünstige Gebet eines frommen Mädchens, wodurch ein Wunder geschieht.
Wer diese Sage liest, fragt sich, ob sie vielleicht – wie viele Sagen – einen wahren Kern haben könnte. Und er beginnt zu phantasieren, ob es nicht im Bereich des Reitgaars in alten Zeiten tatsächlich ein Raubritternest gab, das dann – wegen schlechter Fundierung – nach und nach in dem weichen Boden versank.
Ludwig Edel zufolge hat die „Sage vom Reitgaar“ den folgenden realen Urprung:
Der gräfliche Rentmeister Sibin hatte sich um 1735 am Reitgaar ein „steinernes Lusthaus“ erbauen lassen. Dies passte den umliegenden Grundeigentümern nicht, und sie zerstörten es gleich nach der Fertigstellung in einer Nacht-und-Nebel-Aktion (21. November 1736). „Nur ein paar Steinbrocken erinnern noch heute an das so jämmerlich zerstörte Lusthaus des Rentmeisters und nähren immer noch die Sage von der Burg, die hier gestanden und auf geheimnisvolle Weise im Teich versunken ist.“ (L. Edel, Das Geheimnis des Reetgoors.
Bentheimer Jahrbuch, 1954, S. 72 ff.)
Die Sage vom Reitgar ist auch von Lucie Rakers und Erika Lichte dichterisch bearbeitet worden. Es ist empfehlenswert, die drei Versfassungen miteinander und mit der Prosafassung
der Sage zu vergleichen. (3)
In Erika Lichtes fünfstrophigem Gedicht wird die Geschichte von dem verbrecherischen Ritter, seiner frommen Tochter und dem plötzlichen Versinken der Burg gar nicht mehr erzählt. Sie wird als bereits bekannt vorausgesetzt. Das Reitgaar erscheint hier als ein Symbol für böse Mächte, die im Verborgenen wirksam sind und vor Mord nicht zurückschrecken. Aber auch unbewusste „böse Strebungen“ des Menschen ganz allgemein (im Sinne Siegmund Freuds) scheinen hier symbolisiert zu sein.
Der Leser dieses im Jahre 1927 entstandenen Gedichtes erhält fast den Eindruck, die Dichterin habe in ihm die Schrecken und Verbrechen der Zeit des Nationalsozialismus vorausgeahnt.

In seiner plattdeutschen Erzählung „Ja, du kans heel wat beläben in`t läben!“ (Bentheimer Jahrbuch 1981, S. 231 ff.) schreibt Sauvagerd sich den Ärger von der Seele, den er mit der Verwaltung der Stadt Neuenhaus im Zusammenhang mit dem Abbruch seines Wohn- und Geschäftshauses (gelegen an der Hauptstraße) hatte. (4) Sauvagerds kurzes Gedicht „Dat Vögeltien“ wurde von Peter-Christian Zieger im Bentheimer Jahrbuch 1969 (S. 167 f.) interpretiert. Dieses schlichte Gedicht kann meiner Ansicht nach sehr gut beim Plattdeutschuntericht in Schulen und Kindergärten verwendet werden.

Anmerkungen
(1) Ein plattdeutscher Roman hat den Titel „Dat Teken van de Doadenburg“ und erschien in der Zeitung „Grafschafter Tagespost“, ebenso ein Roman in Hochdeutsch mit dem Titel „Die Wunderorgel“. Es gibt noch einen weiteren Roman aus Sauvagerds Feder, dessen Titel mir nicht bekannt ist.
(2) Siehe „Dat Räitgoor“ in Karl Sauvagerd, „Häideblomen“, S. 9 f. Auf dieses Gedicht folgt ein kürzeres, das ebenfalls das Reitgaar zum Thema hat. Hier genießt der Dichter an einem warmen Junitag die schöne Natur am Reitgaar und hält darauf, im Grase liegend, ein Schläfchen.
(3) Siehe „Die gläserne Kutsche“, Seite 68, und Lucie Rakers` Gedichtband „Sagen aus der
Grafschaft Bentheim“, Seite 56-58. Erika Lichtes Gedicht ist auch in Gerolf Küpers` Buch
über die Dichterin abgedruckt (S. 278).
Hinweisen möchte ich darauf, dass die Fassungen der Reitgarsage in „Die gläserne Kutsche“ und in Heinrich Spechts Heft „Die Sagen der Heimat“ (1925) sich voneinander unterscheiden. Spechts Urfassung (wie man sie wohl nennen darf) ist kürzer und sozusagen „schnörkelloser“.
Zur realen, historischen Geschichte des Reitgars siehe „Der Grafschafter“, 1923, Nr. 9; ebenfalls den bereits zitierten Beitrag Ludwig Edels „Das Geheimnis des Reetgoors“ im Bentheimer Jahrbuch, 1954, S. 72 ff. Edel beschreibt das Reetgoor als einzigartiges Naturbiotop und fordert, es unter Naturschutz zu stellen.
Aus Lucie Rakers` Feder stammt auch eine Erzählung mit dem Titel „Regine“. Es handelt sich dabei um eine tragische Liebesgeschichte, die vor oder um 1900 in einer jüdischen Familie in Neuenhaus spielt. (Bentheimer Jahrbuch,1967, S. 158-175. Karl Koch beschreibt Leben, Wesen und Denken von Lucie Rakers sehr interessant beschreibt in seinem Buch „Spaziergänge über Grafschafter Friedhöfe, Band 1“ (Nordhorn: Verlag Deutsche Literaturlandschaften e.K., 2002).
(4) Das Haus stand am Beginn der heutigen Karl-Sauvagerd-Stiege.
J.-G. Raben 2012, bearb. gjb 2022



Paul Modestus Schücking 1787-1857

Dieser Schriftsteller (und Vater des erheblich bedeutenderen Lewin Schücking) hat in Neuenhaus – als etwa Fünfundzwanzigjähriger – ein zweijähriges „Gastspiel“ gegeben. Vermutlich war er in dieser Zeit noch nicht schriftstellerisch aktiv. Ich möchte ihn hier dennoch erwähnen und eine kurze Lebensbeschreibung zitieren:

SCHÜCKING, Paulus Modestus, getauft 13./14. 3. 1787 (Münster), gestorben 1867 (Bremen), Amtsvogt und Richter. – Der  Vater des Dichters Levin Schücking entstammte einem alten westfälischen Beamten- und Gelehrtengeschlecht. Er studierte Jura in Münster, wurde 1809 Advokat am Herzoglich Arenbergischen Gericht in Meppen, 1811 Richter in Neuenhaus und 1813 Friedensrichter wiederum in Meppen. Nach dem Wiener Kongreß (1815) stand er als Amtsvogt und Richter im Dienst des Herzogs von Arenberg und verwaltete nach dem Abzug der Franzosen aus Meppen das Gebiet in eigener Verantwortung. Er sorgte für Postverbindungen, Kirchen- und Wohnungsbau, Wegebau und -verbesserungen. Da er jedoch oftmals zu selbstherrlich vorging, überwarf er sich mit dem Herzog und schied 1836 aus dem Amt und gelangte über Münster, Nordamerika, wo er in Baltimore „Schückings Intelligenzblatt“ herausgab, im Jahre 1840 nach Bremen. Hier lebte er seitdem als freier Schriftsteller. (1)
Es gibt eine „Schücking-Gesellschaft e.V.“, mit Sitz in Sögel. Der Verein hat dort auch ein Schücking-Museum.

Fußnote
(1) Zitiert aus: Biographisches Handbuch zur Geschichte der Region Osnabrück, bearbeitet von Rainer Hehemann, Bramsche: Rasch-Verlag, 1990.
J.-G. Raben

Jan Smoor 1905-1993

Der Dichter hinter dem Pflug

In Alte Piccardie starb am 15. Februar 1993 der Altbauer Jan Smoor. Er wurde 87 Jahre alt. Jan Smoor hat sich um seine engere Heimat verdient gemacht. Plattdeutsch und hochdeutsch, in Poesie und Prosa, schrieb er seine Erlebnisse und Empfindungen nieder. Gleichsam hinter dem Pflug entstanden seine »Tausend Verse«, in denen sich das menschliche Leben mit seinen Höhen und Tiefen und das Werden und Vergehen in der Natur widerspiegeln.

 

Unzählige Arbeiten blieben der Nachwelt im Heimatschrifttum der Grafschaft Bentheim erhalten. Zu ihnen gehört nicht nur eine zusammenfassende Geschichte der evangelisch-reformierten Kirchengemeinden.Während des Zweiten Weltkrieges hat der Verstorbene Kriegserlebnisse, soweit sie Alte Piccardie und die Umgebung betrafen, sowie die Schicksale der heimgekehrten Soldaten, der Gefallenen und Vermissten chronologisch festgehalten. Neben dem Ernst des Lebens stand bei Jan Smoor auch immer der stille, tiefgründige Humor. Das machen seine lustigen Erzählungen und die von ihm verfassten Bühnenstücke deutlich.Jan Smoor liebte seine angestammte Heimat sehr. Um so weniger Verständnis brachte er für großräumige Entwässerungs- und Erschließungsarbeit auf, durch die einst wertvolle Naturreservate in Moor und Heide gefährdet wurden. Wenngleich auch der Verstorbene zeitlebens ein Niedergrafschafter Landmann von echten Schrot und Korn geblieben ist, zog es ihn doch immer wieder in die »weite Welt«. Insbesondere die Tiroler Berge hatten es ihm angetan.Mit Jan Smoor verloren die Freunde der Grafschafter Heimat einen tatkräftigen Mitstreiter, dessen Andenken sie stets in Ehren halten werden.
Willy Friedrich, Der Grafschafter, März 1993

Wie ich gehört habe, wird der literarische Nachlaß Jan Smoors im Staatsarchiv Osnabrück aufbewahrt. Ein im Selbstverlag gedrucktes Buch von 130 Seiten mit Gedichten Jan Smoors (davon rund ein Zehntel in Plattdeutsch) ist vorhanden bei der Familie Vischer in Esche.                           J.-G. Raben

De Groafschupp

De Grafschup Benthem is nich groot,
Froger löpen se tefoot,
dwass de döar in söwen Stund’.
Men wis du int Lang’ de döar,
dann geht van Ohne bis noa Loar
nen heelen End int Rund.

De Groafschup is’n Buurenland.          
Wij hebbt bij uns ne Masse Sand.
Lück Kleij, en oarig Venne.
Hooge Barge binnt hier nich.
Uns’ Land an Lee en Vechte ligg.
Heel flack, soawiet ick’t kenne.

In de Groafschup is Notthoarn
de grödste Stadt, doar makt sie Goarn.
Un brukt et dann tot’ Weven.
In de Groafschup kump upstund,
Gas en Öllie ut de Grund.
Dat heww Arbeijd gewen.

In de Groafschup proat wij Platt.
Menn int Dorp en in den Stadt,
wott de platte Sproake minner.
Doch doar bin’k van oawertügt:
Um dat uns unse Sproake nögt,
geht se doch nich unner.

Heinrich Specht 1885-1952

Dieser Mitbegründer und sehr bedeutende Autor der Grafschafter Heimatforschung hat nie in Neuenhaus gewohnt. Ich erwähne ihn hier dennoch, weil er ein in heroischem Ton geschriebenes, vierstrophiges Gedicht über die Dinkelstadt verfasst hat. In dem Gedicht – es trägt den schlichten Titel „Neuenhaus“ — drückt sich die Zeit, in der es entstand, aus.     J.G. Raben

Neuenhaus

Es rauscht das graue Wehr uralte Märchenlieder
vom Bürgerfleiß, von Zünften, wilder Heere Ruf,
von Kriegsglück, Häuserbränden, stetem Auf und Nieder,
von deutscher Kraft, die aus dem Sumpf die Stadt sich schuf.

Vom sonntagsstillen Frieden langer Häusergassen,
um deren grüne Giebel süß Erinnern bebt,
die Linden schmücken, Rotdornblüten rahmend fassen,
und hoher Ulmen Stolz noch schützend überstrebt.

Es deckt der klaren Dinkel schnelle Glitzerwellen
der Pfeifenstrauch mit langen Armen segnend zu,
und Mückenschwärme tanzen flink mit Blaulibellen
am Bach, und Nachtigallen singen uns zur Ruh.

Es schreitet durch die Alltagsstraßen frisches Streben –
Ein Heiderich zieht mit den Bauernwagen ein.
Und neues Blühen – möge Gott es gnädig geben –
Bring` uns nach Krieg und Unglück – Wohlfahrt und Gedeihn!

(in: Bentheimer Heimatkalender, 1935, S. 90)

Hermann Stal, Jg. 1932

Noaberplichten in ounsen Hook froger enn vandage
Wenn froger eene bi ouns in’n Hook tröck, dann muß he eärst Noaberschup annemmen. Dann güngen de Fraulöö van de Noaberhüüse hen Füüranböd’n. Se nömmen nen Torf mett, en dann muß de neye Noabersche ‚n lecker Köppien Koffie setten. Plässies van Humbrink off van Brookmanns Jan en dicke Beschüten mett brunen Zucker gafft d’rbi. Se satten dann ‘n paar Uer te kwaken, en dann was de Noaberschup annommen.
De Noabers hölpen sick owerall bi. Wenn in een Hus ‘n Kind geboaren was, dann muß dat in de heele Noaberschup anseggt wodd’n, enn bi de Dööpe wadd’n se d’r ock alle weär met bi. De Noaberfrauen höllpen ock alle mett, enn de eene kwamp mett’n Weggen, de andere brachde Tee of Koffie mett. Doar fierden se dann Dööpvisite mett. De wiese Moar rekkde dann datt Kind round en kreeg van ieder de se’t up’n Arm gewen hadde, ‚nen Tückstüwer.
Bi Starwgefallen muß bi denn Doaden waakt wodden. Verkleden en fattwarken mussen de Noabers ock dohn. Bi’t Begrafnis mussen de nöächsten Noabers dregen, en den nöächsten Noaberfrauen mussen bi de Growe helpen, want dann kwamp de heele Familie enn de Noabers enn de Künnigschup upp de Koffie, enn de Noaberfrauen mussen inschenken enn anreken en wat d’r noch anders noch all’ bi te dohn was. Et gaff bi de Koffie Botterkoken en Plässies, enn de Mannlö kreegen noarand ock noch ‚n Söpien enn ‚ne Sigar off watt vöär de Piepe.
’n moj Fest in de Noaberschup was ait de Slachtvisite. Junge, dann wödd’n de Finnen offwaschet met nen aulen Kloaren off ‘nen guden Bittern ‘s oawends gafft dann ’nen Suurbroaden in de Panne. Aßt effen günk, dann haalden denn eenen off ’n annern Noaber de Oaren off de Pööties weg van dat Swien, wat an de Ledder hünk. Eenmoal hadde doar doch eene de heele Lewer weghaalt en nu kunn he doar moje Lewerwost van maken. Soawat kunn’ ginn Mäinsche kwaoalik nemmen, want dat was’n Noaberrecht. De slacht hadde, de muß up sein Swien gut uppassen. Se, dat waß’n soa de Noaberrechten en Noaberplichten.
Dat möjste waß, de Noabers höllen tehoape as Dreck an’t Rad. Soa hebbe ik dat van miene Aulers ait höärt, datt’ froger soa höllen wödde. Nu is’t mischien nich nett owerall meähr soa, want de Tieden bint anders wodden, menn de Noaberschup wott doch bi de meesten Löö noch wall hoch hollen.

Dr. Otto Stute ? - 1950er

Dr. Otto Stute stammte aus Danzig. Er war jahrzehntelang Kreistierarzt für die Grafschaft Bentheim und wohnte in Hilten (heutiges Haus Vechtetalstr. 12). Er hat für den „Grafschafter“ eine Reihe von Beiträgen verfasst (etwa acht an der Zahl), die sich zum Teil mit archäologischen, zum Teil mit Themen seines Faches befassen. Er war Hobby-Archäologe. Ein Artikel von ihm trägt den Titel: „Der Urfund in Klein-Ringe“ (Bentheimer Heimatblätter Nr. 1, 1935, S. 32). Ein anderer in Der Grafschafter vom Juni und Juli 1955: Weshalb zerstörte Herzog Lothar von Sachsen 1116 Bentheim?
Beim Kreisveterinäramt in Nordhorn ist vielleicht etwas über das berufliche Wirken Dr. Stutes zu erfahren. Das ehemalige Stutesche Haus an der heutigen Vechtetalstraße fällt auf durch seine Größe, seine Architektur und eine graue Verputzung. Es liegt etwa einen Steinwurf von der Straße entfernt. Wie ein älterer Neuenhauser Bürger mir erzählt hat, stand es ursprünglich ganz allein inmittten landwirtschaftlicher Flächen.
J.-G. Raben

Julius Sudendorf 1815-1893, Amtsgerichtsrat

Julius Sudendorf, der in etwa das letzte Drittel seines Lebens in Hilten bei Neuenhaus wohnte, war ein bedeutender Erforscher der Geschichte des Osnabrücker Landes, wie die folgende Eintragung im „Biographischen Handbuch“ zur Geschichte dieser Region zeigt:

SUDENDORF, Julius, geb. am 9. 9. 1815 (Badbergen), gest. am 6. 9. 1893 (Hilten), Amtsgerichtsrat. Nach dem Jurastudium wurde S. zunächst als Auditor beim Amt Vörden eingestellt, jedoch schon 1844 nach Osnabrück versetzt, wo er nebenamtlich das Landdrosteiarchiv ordnete und verzeichnete. 1852 zum Amtsrichter ernannt, konnte er diese Aufgabe noch bis 1854 fortführen, bevor er nach Aurich ging. Während seiner Osnabrücker Zeit gehörte S. zu den Mitgründern des „Vereins für Geschichte und Landeskunde von Osnabrück“, dessen zweiter Vorsitzender er bis 1854 war. In diesen Jahren verfaßte er auch mehrere Beiträge zum Thema der Osnabrücker Geschichte in den „Osnabrücker Mitteilungen“. Zusammen mit seinem Bruder Hans S. (1812-1879), Staatsarchivar in Hannover, veröffentlichte er 1840 die „Beiträge zur Geschichte des Osnabrücker Landes bis 1400“. Über Polle und Lingen kam S. schließlich als Amtsrichter nach Neuenhaus, wo er bis zu seinem Tode tätig war. Wissenschaftliche Arbeiten brachte er jedoch nicht mehr heraus.

(Biographisches Handbuch zur Geschichte der Region Osnabrück, bearbeitet von Rainer Hehemann; Hg.: Landschaftsverband Osnabrück e.V.; Rasch-Verlag, Bramsche, Seite 286. — Als Literatur ist ein Nachruf in den „Osnabrücker Mitteilungen“, Nr. 18, 1893, S. 327 f. angegeben.)

Im Bentheimer Heimatkalender erschien im Jahre 1935 (S. 90 f.) ein interessanter Aufsatz aus Sudendorfs Feder mit dem Titel „Die Bauerschaft Hilten mit dem Hünenberge“. Der Artikel wurde in Sudendorfs Nachlaß gefunden, wie Heinrich Specht in einer einleitenden Würdigung dieses Geschichtsforschers mitteilt. Specht deutet an, dass sich in dem Nachlaß noch weitere Arbeiten befanden. Sudendorf betont in dem genannten Artikel, dass die Bauerschaft Hilten in alten Zeiten – d.h. vor der Gründung des Kirchspiels Veldhausen und der Stadt Neuenhaus – flächenmäßig sehr umfangreich war und politisch zum Gau Twente und zum Bistum Utrecht gehörte. Die heutigen Gebiete Veldhausen, Neuenhaus, Buitenborg, Binnenborg, Teich und Thesingfeld, das alles habe zu Hilten gehört. Diese „ungeheure Mark“ sei fast überall von dichtem Wald bedeckt gewesen. Der „Hünenberg“ (damit sind sicher die „Negenbarge“ gemeint) sei „das Heiligtum der Nord-Twente“ gewesen. (Literaturangaben enthält der Beitrag leider nicht.) Anzumerken ist hierzu, dass die Grafen von Bentheim ihren Machtbereich damals noch nicht auf die Niedergrafschaft ausgedeht hatten. Die heutige Niedergrafschaft galt als die „Nord-Twente“; kirchlich und politisch gehörte sie zum Bistum Utrecht. (1) Specht teilt in seiner Würdigung Sudendorfs mit, dass dieser als Amtsrichter viel mit der gerichtlichen Abwicklung der sogenannten „Ablösung“ befasst war, d.h. mit der Auflösung der „Leibeigenschaft“(auch „Eigenbehörigkeit“ genannt) gegenüber einem Grundherrn.

Sudendorf ließ für sich und seine Familie das auch heute noch sehr beeindruckende Haus Uelsener Straße 41 erbauen, das sein Sohn, der nach Amerika auswanderte, an Georg Meppelink verkaufte. Hinter dem Hause liegt ein schöner Park, so dass man hier von einem „Landhaus“ im alten Stil sprechen kann. Das Anwesen ist heute (2010) im Besitz einer Enkelin Georg Meppelinks. Ihr Vater Johann Meppelink war Bahnbeamter bei der Bentheimer Eisenbahn und eine stadtbekannte Persönlichkeit, wie ältere Neuenhauser sich erinnern werden. Sudendorf hat also in Neuenhaus nur durch den einen erwähnten Artikel „geglänzt“ – und durch den Bau seines Landhauses. Ich meine, dass diese beiden Leistungen es rechtfertigen, ihn hier aufzunehmen.

Hartmut Viehoff, Jg. 1946

Viehoff, der 1946 in Neuenhaus geboren wurde und hier seine Kindheit und Jugend verbrachte, lebt heute in Münster, wo er bereits als junger Mann am Prinzipalmarkt ein Optikergeschäft gründete. Er hat im „Grafschafter“ (1971, Seite 782 und 792) zwei kurze Beiträge veröffentlicht, die sich als Prosalyrik bezeichnen lassen. Den einen von ihnen – mit dem Titel „Neuenhaus“ — möchte ich hier vollständig zitieren.                      J.-G. Raben

Neuenhaus
Nah und doch fern liegt nach zwölf Jahren der Abwesenheit meine kleine Stadt inmitten der Heide, Moore und Hügel. Wie schön, wieder daheim zu sein, den Spuren einer längst vergangenen Kindheit folgend alte und neue Bekannte zu treffen, plaudernd durch die kleinen Gassen zu gehen, die ihr altvertrautes Gesicht nie zu verlieren scheinen.
Die alte Marktkirche mit dem beruhigenden Schutz ihrer festen Mauern, unter denen sich mein neues und doch altes Neuenhaus erstreckt und von deren Turm heute wie damals der wohlbekannte Ton der Glocken ruft, als wollten sie einen willkommen heißen.
Welch innere Beruhigung, viele dem Fortschritt noch nicht anheim gefallene Bauwerke zu entdecken. Dort ist die alte Schule mit meinem Klassenraum, in dem ich minutenlang verweile und Stunden an mir vorüberziehen lasse, unser Rathaus, wie eh und je. Und du, mein Neuenhaus, hattest Geburtstag, 600 Jahre wurdest du alt.
Hast viele Stürme über dich ergehen lassen müssen, aber du hast dich tapfer gehalten, und ich bin gekommen, um dir nach langer Zeit zu gratulieren. Meine Kindheit, die schön und glücklich war, habe ich in deinen Mauern verbracht. Darum bist du für mich Heimat. Wenn einmal die Zeit gekommen ist, kehre ich heim, denn fast zärtlich warst du, Neuenhaus.

 

Der Storch auf dem Rathaus
Eine wahre Geschichte aus dem alten Neuenhaus (vom 7. April 1955)
Von Hartmut Viehoff

Es war ein warmer, sonniger Apriltag im Jahre 1955 und keiner wusste nachher, wer ihn zuerst entdeckt hatte. Aber kaum war die Nachricht durch Neuenhaus gelaufen, nein gerast, da versammelten sich alle, ob Jung oder Alt, am Rathaus und schauten nach oben auf den Turm. – Da saß er, der Storch.
Kaum war die Schule aus, rannten wir zum Rathaus und staunten nicht schlecht über diesen großen Vogel, den wir zuvor noch nie lebend in Freiheit gesehen hatten.
Unterdessen saß Adebar vergnüglich, so schien es, in der Sonne und putzte sein Gefieder mit dem großen, roten Schnabel, und zur großen Freude klapperte er noch mächtig und schlug mit den Flügeln.
Es war so, als wollte er nachdrücklich sein Missfallen darüber zum Ausdruck bringen, dass dort, wo er war, offenbar kein Nestbau möglich war, und auf der leeren Spitze eines Turmes, dessen Wetterfahne schon lange fehlte, wäre das auch kaum möglich gewesen. Nun saß er dort oben, und unten war man stumm vor Staunen: ein Storch bei uns in Neuenhaus! Man hatte es kaum gedacht, da bewegten sich die Leute und meinten, da müsse sofort etwas getan werden, um ihm eine Möglichkeit des Nestbaus zu geben. „Ja was denn?“, fragten ein paar Zaghafte. „Nun, es muss ein altes Wagenrad her und auf der Spitze montiert werden und mit ein wenig Reisig belegt werden, damit er merkt, wir freuen uns über ihn. Dann wird er sicher ein Nest bauen.“
Kaum war dieser doch sehr vernünftige Vorschlag gesagt, rannten ein paar Männer schon fort, um beim Wagenbauer und bei Lankhorst nach einem Wagenrad zu suchen. Ein paar andere helle Neuenhäuser waren schon mit der Fietse zur Feuerwehr geeilt, um sie zu bitten, mit der großen Leiter zu helfen, das Rad zu montieren.
Wir Jungen und Mädchen aus der Nachbarschaft waren ganz aufgeregt, und nachdem wir überlegt hatten, wie das Nest schön behaglich für den Storch sein könnte, schossen wir schon los in die Borsdorf, dort an der Dinkel, um Reisig und Reet zu holen.
Es war ganz toll, und wir rannten los, nicht zu laut, denn das könnte den Storch ja erschrecken; aber oben auf der Burg da ging es dann los, und mit großem Gejohle sausten wir davon. Es war doch eine große Aufgabe. Wir konnten mithelfen, dem Storch in Neuenhaus ein Zuhause zu verschaffen. Wie schön das doch war!
Mittlerweile hatten sich die herbeitelefonierten Honoratioren der Stadt vor ihrem Rathaus versammelt und beratschlagten intensiv über weitere Maßnahmen, den Storch unter allen Umständen hier zu behalten, ja sogar das Stadtwappen wolle man ändern, bliebe Adebar nur hier in Neuenhaus.
Sogleich berief der Bürgermeister eine Sondersitzung des Rates ein, um in der „Sache Storch“ ein gemeinsames Vorgehen zu beschließen. Schließlich kostete diese Maßnahme ja Geld, und das musste vorschriftsmäßig bewilligt werden.
Bei der großen Freude um das zukünftige Aushängeschild von Neuenhaus hatte keiner darauf geachtet, daß der Storch offenbar alleine war. Hatte er keine Gefährtin mitgebracht? Denn wenn er hier nisten wollte, und das sollte er ja auf jeden Fall, dann konnte er nicht dauernd nach Holland fliegen, um sich ein Weibchen zu suchen, dazu war der Weg doch wohl zu weit. Wer sagte denn überhaupt, daß dies ein Männchen war, das von dort oben offensichtlich sehr vergnüglich auf uns alle herabsah?
Ja, da hatte der Rat viel zu tun. Und wie sollte man das Rad auf den Turm bringen, wenn der Storch noch dort oben saß? Mittlerweile war es nach zwölf. Die Glocken hatten es gerade vom Markt her verkündet, als ein großes, deutliches Aufstöhnen durch die Menge ging: der Storch hatte sich flügelschlagend erhoben und flog. – Ja, flog er etwa fort?
Nach einigen bangen Augenblicken ging dann ein Aufatmen durch die Menge. Nein, nein, er flog nicht weg. Es war so, als hätte er unsere Nöte und die des Rates unter ihm erkannt, und so, als wolle er sagen: „So, ich sitze jetzt hier bei Teismann auf dem Dach und schaue mir mal an, was für ein schönes Nest ihr mir bauen wollt.“
Kaum waren wir in der Borsdorf angekommen, ging das Suchen nach geeignetem Reisig und Reet los, und noch heute erinnere ich mich lebhaft, daß viele meiner Freunde zuhause ordentlich was zu hören bekamen ob ihrer zerrissenen Hosen und Hemden, aber im Moment dachte daran keiner, und los ging es wieder zum Storch mit großen Bündeln von Reisig und Reet — und nassen Füßen.
Die Neuenhauser Freiwillige Feuerwehr, die sich von dem Unfall in der Hauptstraße wieder erholt hatte, war mit schwerem Gerät und ganz vielen Helfern in Uniform angerollt, und auch die Firma Lankhorst hatte ein Wagenrad spendiert, beileibe kein Neues, soweit kommt’s noch! Aber immerhin, es war stabil und mit allen Speichen, so dass es Verwendung finden konnte.

Vom Rathaus waren wir schon zu hören, und als die Kinderschar die Burg herunter stürmte,
in den Armen jeder ein Bündel Nestmaterial, da wurden auch wir fröhlich begrüßt und unsere Eltern halfen uns auch kräftig mit, das Rad fertig zu machen, um es auf dem Turm zu befestigen.
Etwas vorsichtig und ängstlich schaute man immer wieder auf den sich putzenden Storch – der sah aber ganz toll weiß aus, mit schwarzen herrlichen Federn, und wir alle waren ganz schön stolz auf ihn. Hoffentlich bleibt er hier, hofften wir inbrünstig.
Kommandos erschallten und der Feuerwehrhauptmann und Brandmeister gab das Signal, die große Leiter auszufahren. Das Rad war schön hergerichtet, das Reisig lag schön festgezurrt auf den Speichen und die Radnabe war geschickt fertig gemacht, um genau oben auf den Stumpf zu passen. Zusätzlich hatte man noch fünf eiserne Streben, die das Rad abstützen sollten, damit es auch bei Wind oben blieb.
Der Bürgermeister und sein Rat waren mit der Sitzung fertig und standen nun erwartungsvoll vor dem Rathaus. Alles war glatt gegangen: Alle hatten für den Storch gestimmt. Er sollte bleiben. Wahrscheinlich hatte man auch überlegt, ihm die Ehrenbürgerschaft zu übertragen; aber so weit waren wir noch nicht.
Das Rasseln der Leiter, die sich langsam nach oben schob, riss die Menge aus ihren Träumen und man sah nun erstaunt und ehrfurchtsvoll, wie die neue Leiter – sie war erst vor kurzem für viel Geld angeschafft worden – sich langsam, aber stetig der Turmspitze entgegen schob.
Wir saßen alle auf der Fensterbank von Purings und schauten nach oben, dann wieder zum Storch, und alle wussten etwas über den Storch im Allgemeinen und Speziellen zu erzählen. Keiner wollte so recht daran glauben, daß der Storch die Kinder brachte, wie wir es in vielen Abbildungen lesen konnten. Auch unsere Eltern hatten uns nichts anderes berichtet.
Aber diese Spekulationen bewegten uns jetzt nicht wirklich, sondern wir waren ganz bei der Sache mit dem Storch auf dem Rathaus und sahen nun zu, wie die Arbeiten zügig voranschritten, so wie man es sonst gar nicht gewohnt war. Keiner machte eine Pause und nahm einen Schnaps.
Erwartungsvoll schaute die Menge den Arbeiten zu. Mittlerweile waren auch unsere Lehrer erschienen und gaben dem Ganzen den notwendigen naturwissenschaftlichen und pädagogischen Hintergrund. Selbstverständlich standen sie dem Rat als Ratgeber zur Verfügung. Und tatsächlich, sie wurden viel gefragt, denn mancher Ratsherr verstand zwar etwas von Hühnern, der andere etwas von Jura oder so, aber von Störchen verstand keiner etwas, außer dem Biologielehrer aus der Mittelschule. Oder war es gar der Direktor selbst?
Nun, uns war das egal, denn wir hatten jetzt keine Schule, und die Frage nach Schularbeiten vor dem Hintergrund dieses historischen Geschehens wäre wohl fehl am Platze gewesen. Aber wir ahnten es: in den nächsten Tagen mussten wir ganz sicher über das, was hier geschah, einen Aufsatz schreiben.
Mein Großvater hatte anscheinend seine Praxis beendet und stand mit den Purings und den Hargers an der Drogerie. Als er mich sah, kam er zu uns Kindern herüber und sagte zu mir und meinen Freunden, daß der Storch vermutlich ein Einzelgänger sei, der sich ein wenig verflogen habe. Obwohl in der Vechte und den Dinkelarmen an sich genügend Futter vorhanden sei, sei es wohl unwahrscheinlich, daß er hier nisten würde.
Das fanden wir nun sehr traurig, und wir sahen ängstlich zum Storch auf Teismanns Dach hinüber und hofften im Stillen, mein Großvater, der ein sehr kluger Mann war, möge doch mal Unrecht behalten.
Mittlerweile war die Leiter ganz ausgefahren, und mit großem Entsetzen musste man nun feststellen, daß die Turmspitze zu hoch für die Leiter war, um das Rad dort montieren zu können.
Als die Neuenhäuser das nun merkten, war guter Rat teuer und jeder redete durcheinander und es war ziemlich viel los am alten Rathaus. Einer von den Vorrinks, der schon das fertige Rad zur Leiter gerollt hatte, stellte es wieder ab und man besprach sich, was man tun könnte.
Bevor man auf die Idee kam, die Feuerwehr in Nordhorn zu bitten, eine größere Leiter zu schicken, nahm der Storch allen jede weitere Entscheidung ab: Er flatterte ein paar Mal mit seinen großen Flügeln und hob vom Dach ab, um in Richtung Dinkelstauwerk zu fliegen.
Wir haben ihn nie wieder gesehen, nur der Rathausturm ohne Wetterfahne erinnerte uns noch lange an dieses denkwürdige Ereignis in Neuenhaus.


Geschehen am 7. April 1955. (Siehe Ludwig Sager, „Meine Freunde“, Bad Bentheim, Verlag A. Hellendoorn, 1968, S. 26 f.

Dr. Siegfried Wiarda 1901-1983

 

https://www.wiarda.frl/de/history/prominent-wiardas

Siegfried Wiarda wurde am 10. Dezember 1901 in Jemgum in Ostfriesland als Tileman Dothias Siegfried Bucho Wiarda geboren. Die Benennung mit drei alten Wiarda-Vornamen deutete bereits in die Richtung, in die Siegfried später einen Großteil seiner Zeit widmen würde. Er begann eine akademische Ausbildung, die er als Doktor der Naturwissenschaften (rerum naturalium) abschloss. Siegfried heiratete Emilie (oder wie sie später im Familienverband Tante Milly genannt wurde) Schirrmacher und hatte neun Kinder bei sich.

 

Tilemann Dothias Siegfried Wiarda hat sich in der Neuenhauser Heimatforschung große Verdienste dadurch erworben, daß er zwei Bände mit dem Titel „Neuenhaus in alten Ansichten“ veröffentlichte (1981 und 1982) und die Geschichte mehrerer bedeutender Neuenhauser Familien erforscht hat. Auch einige weitere heimatgeschichtliche beziehungsweise genealogische Artikel stammen aus seiner Feder. Er hat ferner ein Buch mit dem Titel: „Wiarda 1369-1969“ zusammengestellt und herausgegeben.

Dr. Wiarda stammte aus einem bekannten ostfriesischen Geschlecht, das unter anderem viele reformierte Pastoren hervorgebracht hat. Geboren wurde er in Jemgum. Bevor er in die Grafschaft kam, arbeitete er in andern Regionen Deutschlands als Tierzuchtdirektor im Staatsdienst. Etwa zehn Jahre lang betrieb er dann auf einem von ihm gepachteten Hof in Hestrup die Landwirtschaft. Seinen Ruhestand verbrachte er in Neuenhaus, wo er das heutige Voshaarsche Haus Weghorst 11 bewohnte.

Siegfried Wiarda war auch politisch aktiv. In den Jahren 1966-1968 hatte er als Abgeordneter einer rechtsgerichteten, nationalistischen Partei einen Sitz im Grafschafter Kreistag. (Siehe die Listen der Kreistagsabgeordneten in den einschlägigen Jahrbüchern des Heimatvereins der Grafschaft Bentheim.)
Auf landwirtschaftlichen Tierschauen in der Grafschaft fungierte er als Gutachter und Mitglied der Jury, wobei er durch seine Redegabe und Stimmstärke auffiel.

Ich nenne im Folgenden einige bibliographische Titel dieses Autors:
Wiarda 1369-1969. Aus der Geschichte der friesischen Familie Wiarda. Herausgegeben und zusammengestellt von Siegfried Wiarda. Bolsward (NL): Osinga, 1970. (Das Buch ist zweisprachig: Deutsch und Holländisch.)

Die Familie Schey – ein typisches Beispiel für Familienwanderung zwischen der Grafschaft Bentheim und den Niederlanden. Bentheimer Jahrbuch 1971, S. 116-120.

Die Grafschaft Bentheim, Aufmarschfeld und Kriegsschauplatz 1672-1674. Bentheimer Jahrbuch 1974, S. 125-136.

Aus Leben und Wirken der einst in der Grafschaft Bentheim sehr verbreiteten und bedeutsamen Familie Krull. Bentheimer Jahrbuch 1975, S. 69-93.

Chronik eines Grafschafter Hofes – 500 Jahre Boerwinkel-Grasdorf. Bentheimer Jahrbuch 1976, S. 188-210.

Als die Grafschafter hannoversche Soldaten werden mussten. Bentheimer Jahrbuch 1977, S. 63-70.

Vom alten niederländischen Stamm Borggreve bis zu seinen Verzweigungen in der Grafschaft Bentheim. Bentheimer Jahrbuch 1977, S. 107-128.

Die Grafschaft Bentheim und die Niederlande – Grenzüberschreitende Begegnungen. Bentheimer Jahrbuch 1978, S. 22-43.

Chronik der Grafschafter Satinks, zugleich ein Stück Heimatgeschichte von Veldhausen und Neuenhaus. Bentheimer Jahrbuch 1979, S. 88-109.

Die Chronik der Familie van Dorsten. Bentheimer Jahrbuch 1980, S. 144-169.

Neuenhaus in alten Ansichten. Zaltbommel (NL): Europäische Bibliothek, 1981 und 1982 (zwei Bände).


Neuenhaus, die Geburtsstadt bedeutender Männer aus der Familie Westenberg und der mit dieser vielfach verbundenen Familie van Gesseler. Bentheimer Jahrbuch 1981, S. 175-186.

Aus der Chronik der Neuenhäuser Geerlings. Bentheimer Jahrbuch 1983, S. 255-266.
J.-G. Raben 2011, bearb. gjb 2022

 

Während des Zweiten Weltkriegs lebte die Familie in Prag (damals Reichsprotektorat Böhmen und Mähren, heute Tschechische Republik) und die Tragödie ereignete sich. Bei einem Bombenangriff auf Prag (14. Februar 1945[Wikipedia]) verloren sie zwei Töchter.

Nach dem Krieg ließ sich die Familie in Hestrup und dann in Neuenhaus im Landkreis Bentheim nieder. In seinem Berufsleben war er agrarpolitischer Berater der damaligen Regierung (Oberregierungsrat). Siegfried durfte sein „theoretisches“ Wissen über die Tierhaltung als Landwirt in Hestrup in die Praxis umsetzen. Insbesondere die Zucht hatte seine besondere Aufmerksamkeit, auch nach seiner Pensionierung. Er trug zur Ausbildung einer jungen neuen Generation von Landwirten bei und gab ihnen Wissen über die Bewertung und Kontrolle von Nutztieren weiter. Er hat auch verschiedene Artikel in Fachzeitschriften zu diesen Themen veröffentlicht. Er organisierte auch Ausflüge für diese neue Generation von Bauern, auch nach Friesland. Er war auch im Zuchtbuch Emsland aktiv. Neben seiner Arbeit war er in der Arbeitsgruppe Familienstudien der „Ostfriesischen Landschaft“ tätig, recherchierte Familiengeschichten und veröffentlichte Artikel in den Jahrbüchern des „Heimatvereins“ des Landkreises Bentheim. Er war auch aktives Mitglied der „Vereinigten Evangelischen Mission“. Siegfried war das Herzstück der Gemeinde und wurde dafür geschätzt.

1952 hatten Siegfried und Edzard von Wiarda (1900-1996) gemeinsam den Wunsch viele Wiardas nach dem Kriege wieder zu finden, in Deutschland und die Niederlande. Siegfried war ünermüdlich die Familien-Zusammenhänge zu ergründen und berichtete dazu in einer ganz kleinen, sehr sauberen Handschrift darüber immer wieder an Edzard.

Es war Siegfried, der bereits 1952 den ersten persönlichen Kontakt mit Hyltje S. Wiarda in Nijland (nahe Sneek, Fryslân) aufgenommen hatte, was schließlich 1965 zum ersten Familientreffen führte. In der Erinnerung vieler Mitglieder des Verbandes, die Siegfried (oder Onkel Siegfried, wie er auch genannt wurde) kannten, waren es besonders die Erinnerungen an seine Teilnahme an den Tagen der Wiarda-Familie. Siegfried war auch bekannt für seine unermüdlichen Bemühungen auf dem Gebiet der Familienforschung und die Inspiration der Mitglieder des Wiarda-Verbandes. Siegfried zum Beispiel war derjenige, der vom Familienverband beauftragt wurde, das Familienbuch „Wiarda 1369-1969“ (veröffentlicht 1970 von A. J. Osinga N. V. Bolsward) zusammenzustellen.

Das erste Familientreffen fand am 23. Mai 1965 in Neuenhaus statt. An diesem Familientag stand Siegfried am Eingang des damaligen Hotels Sickerman, um alle persönlich mit einem festen Händedruck zu begrüßen. Zu diesem Zeitpunkt wurden die ersten persönlichen Kontakte zwischen den niederländischen und deutschen Wiardas hergestellt. Der Verlauf dieses Familientreffens wurde in der ersten Ausgabe der Wiarda-Ankündigungen aufgezeichnet. Es gab auch einen Artikel in der Lokalzeitung des Landkreises Bentheim, zu dem Neuenhaus gehörte, mit dem Titel „85 Wiardas Beziehungen sich in Neuenhaus. Eine alte friesische Familie – 1969 600 Jahre Jubilaum ”. Und danach fanden viele Familientage statt, an denen Onkel Siegfried und Tante Milly anwesend waren. Siegfried konnte die Teilnehmer an Wiarda-Meetings ziemlich überraschen, weil er trotz der späten Stunde und nach einem langen Meeting nicht ins Bett gehen wollte; er fand es seltsam, dass er nicht müde werden konnte und es vorzog, etwas zu trinken und eine Zigarre zu rauchen. Und am nächsten Morgen beim Frühstück überraschte er alle, denn nachts hatte er bereits den Bericht vom Vortag sowie ein Programm darüber erstellt, was an diesem Tag passieren sollte. Seine unerschöpfliche Stärke und Begeisterung waren charakteristisch für Siegfried. Siegfried wollte alle Wiardas – überall auf der Welt – zusammenbringen und ab 1965 wurde sein Traum wahr!

Quellen:
Wikipedia (en)
, „Bombing of Prague“, Wikipedia website

WIARDA, Jan, „herinneringen aan Siegfried Wiarda“, Wiarda Mededelingen/ Wiarda Nachrichten, No 11/Ausgabe 11, november 1983, p 65 / s. 65 & E-mails Jelle & Siurt von Wiarda

Weitere Autor*innen

aus dem Gebiet der heutigen Samtgemeinde Neuenhaus

Eelke Jans Büma letztere lebte von 1787 bis 1856 und hat religiöse Abhandlungen in holländischer Sprache verfasst, die der pietistischen Richtung zuzurechnen sind (vergleiche P.L. de Jong in dem Band „Reformiertes Bekenntnis in der Grafschaft Bentheim 1588-1988“, S. 143 f.).

Jan Thösink aus Esche (1909-1945) hat in den 1930er Jahren in den Tageszeitungen
plattdeutsche Gedichte veröffentlicht. Es ist mündlich überliefert, dass er ein Mann von
ungewöhnlicher körperlicher Stärke war und mit Schiebkarre, Axt und Spaten viel Heideland
urbar gemacht hat.
Ein entfernter Verwandter von ihm, Harm Tiesing (1853 bis etwa 1938), Enkel eines aus Esche ausgewanderten Hollandgängers — machte in den Niederlanden als Mundartschriftsteller Karriere und wurde 1933 für sein literarisches Werk sogar zum „Ritter des Ordens von Oranje-Nassau“ ernannt. (2)
Jan Winkelmann, ebenfalls aus Esche, Kirchenratsmitglied der ev.-reformierten Gemeinde Veldhausen, veröffentlichte in den Jahren 1864, 1876 und 1887 drei Bücher, in denen er sich für die Altreformierten und deren Theologie einsetzte. (3)

In Veldhausen lebten Eelke Jans Büma. Der letztere, von Beruf Hutmacher und später Holzhändler, lebte von 1787 bis 1856 und hat religiöse Abhandlungen und Gedichte in holländischer Sprache verfasst, die der pietistischen Richtung zuzurechnen sind (vergleiche P.L. de Jong in dem Band „Reformiertes Bekenntnis in der Grafschaft Bentheim 1588-1988“, S. 143 f.).

Schriftstellerisch und forschend war der Veldhausener ev.-reformierte Pastor Theodor Stiasny (4) tätig. Um 1948 legte er eine maschinengeschriebene Abhandlung vor, die im Jahre 2000 unter dem Titel „Die Geschichte des Kirchspiels und der Evangelisch-reformierten Kirchengemeinde Veldhausen“ als Buch erschien (erhältlich bei der Kirchengemeinde).
Pastor Stiasny hat ferner ein Buch mit dem Titel „Quellwasser“ (5) herausgegeben. Es handelt sich hierbei um tägliche Andachten (für das gesamte Kalenderjahr), die den Schriften des Theologen Friedrich Kohlbrügge entnommen wurden. Auf jeder Seite steht oben ein Bibelzitat, dann folgt die Auslegung und unten auf der Seite wird ein Vers aus einem Kirchenlied zitiert. Stiasny war von seiner theologischen Ausrichtung her ein „Kohlbrüggianer“.

Viele religiöse Beiträge sind von dem Veldhausener altreformierten Pastor Egbert Kolthoff (1870-1954), einem bedeutenden Theologen, verfasst worden. Sie sind in dem ev.- altreformierten Kirchenblatt „Der Grenzbote“ veröffentlicht. Er hat auch Broschüren und eine Katechismuserklärung (1937) verfasst. (6)
Im „Grafschafter“ des Jahres 1954 (S. 176) wird ein 1730 verstorbener Veldhauser Pastor namens Hermann Reiners genannt, der „dogmatische und katechetische Werke schrieb“. (7)

Jan Ringena erwähnt in der Lebensbeschreibung des Veldhauser Pastors Giesbert Hannes Garrelt Stokmann (1855-1893, Veldhausen 1881-1884) dessen „bedeutende Schriftgelehrsamkeit“ und nennt fünf theologische Werke. (8)
„In Friedenszeit“ ist von der holländischen Schriftstellerin Ignatia Lubeley (Pseudonym für: Jo Engelberts) in niederländischer Sprache verfasst worden. (11)

Herbert Hayek, um 1970 und 1980 reformierter Pastor in Veldhausen, hat eine Schriftenreihe mit dem Titel „Täglich harre ich dein“ veröffentlicht, die sicherlich im Archiv der Kirchengemeinde vorhanden ist. (Siehe Details in Jan Ringenas Aufsatz über die reformierten Pastoren von Veldhausen.

Anmerkungen:
(2) Vergleiche Willy Friedrich über Harm Tiesing in Der Grafschafter, 1953. S. 68; ebenfalls Ernst Kühle in seinem Buch „Veldhausen“, S. 70 f. Die Schriftstellerei scheint den Thösinks und Nabers im Blute zu liegen; denn Friedel Brouwer geborene Naber, in Nordhorn lebend und aus Veldhausen stammend, deren Mutter eine geborene Thösink aus Esche ist, hat unter dem Namen Joana Brouwer mehrere Kriminalromane veröffentlicht, die in der Region Grafschaft Bentheim/Emsland/Osnabrücker Land spielen.
(3) Vergleiche zu Jan Winkelmann den Jubiläumsband „Unter Gottes Bundeszeichen“ (zum 150jährigen Bestehen der Ev.-altreformierten Kirchengemeinde Veldhausen), 1999, S. 11 f. Vergleiche ebenfalls Gerrit Jan Beuker: Umkehr und Erneuerung. Aus der Geschichte der Evangelisch-altreformierten Kirche in Niedersachsen 1838-1988. Bad Bentheim: Hellendoorn KG, 1988, S. 308 f.
Auch die beiden altreformierten Veldhausener Pastoren Hermannus op`t Holt und Gerd Kramer verfassten theologische Kampfschriften (siehe den erwähnten Jubiläumsband). In ihnen ging es um die Frage, ob Jesus von göttlichem Wesen sei.
(4) Pastor Theodor Stiasny lebte von 1875 bis 1952. Vergleiche eine von seinem Sohn Adolf Stiasny verfasste Kurzbiographie im Bentheimer Jahrbuch, 1963, S. 190-192. Vergleiche ebenfalls den Beitrag „Die Pastoren der reformierten Gemeinde Veldhausen seit der Reformation“ von Jan Ringena in „Emsländische und Bentheimer Familienforschung“, Juni 1999. Siehe https://www.altreformiert.de/beuker/biografien/AFEL_Bd_10_1999_Veldh._GESAMT_Heft_48f._S._14-39_u.57-93_gjb_2020.pdf
(5) Quellwasser. Tägliche Andachten aus den Predigten von Pastor Dr. H.F.Kohlbrügge. Herausgegeben von Lic. Th. Stiasny, Pastor in Duisburg-Meiderich. 2. Auflage 1931.
(6) Vergleiche „Unter Gottes Bundeszeichen“, S. 89-91. Siehe ebenfalls Gerrit Jan Beuker, Umkehr und Erneuerung, S. 315-317. Das Grab Pastor Kolthoffs befindet sich auf dem Alten Friedhof in Veldhausen, direkt an dem Hauptdurchgangsweg. Siehe auch ein Foto Kolthoffs und seiner Schwester in dem Bildband „Begegnungen mit der Vergangenheit. Die Niedergrafschaft 1850-2000“ (herausgegeben vom Landkreis Grafschaft Bentheim), 2002, S. 174.
(7) Siehe zu Reiners auch den Beitrag „Die Pastoren der reformierten Gemeinde Veldhausen seit der Reformation“ von Jan Ringena in „Emsländische und Bentheimer Familienforschung“, 1999, S. 31 f.
(8) Siehe „Emsländische und Bentheimer Familienforschung“, 1999, S. 72.
(11) Ignatia Lubeley: In Friedenszeit. Aus dem Holländischen übersetzt von Johann-Georg Raben. Bentheimer Jahrbuch 1993, S. 239 ff.
J.-G. Raben